Sich wieder Gehör verschaffen

Therapien gegen Altersschwerhörigkeit ermöglichen es fast jedem Patienten, wieder am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, sagt Oberarzt Kristen Rak

0

Oberarzt Dr. Kristen Rak ist Ärztlicher Leiter des Bereichs Hörimplantate am Universitätsklinikum Würzburg. Dieses gehört zum „Comprehensive Hearing Centre“ – einem Zentrum für die Diagnostik, Therapie und Behandlung Hörgeschädigter am Universitätsklinikum. Ärzte, Psychologen und Techniker arbeiten dort seit 2009 Hand in Hand, in der offenen Sprechstunde kann sich jeder Patient mit Hörproblemen vorstellen. Foto: Michaela Schneider

Jeder fünfte Deutsche leidet an Schwerhörigkeit. Diese Zahl nimmt im Alter noch zu. Ab dem 70. Lebensjahr hat rund die Hälfte der hiesigen Bevölkerung eine zu behandelnde Schwerhörigkeit.

Gründe gibt es viele – entzündliche Prozesse etwa, Durchblutungsstörungen, genetische Einflüsse und mit zunehmendem Alter schlicht Verschleiß. Hinzu kommt, dass viele Menschen übermäßig viel Lärm ausgesetzt sind. Strengere Gesetze und eine veränderte Arbeitswelt tragen zwar dazu bei, dass Menschen nicht mehr unter extrem lauten Bedingungen arbeiten müssen. Allerdings werde nun auch die Discogeneration älter, sagt Oberarzt Privat-Dozent Dr. Kristen Rak.

An der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, plastische und ästhetische Operationen am Universitätsklinikum Würzburg ist der 37-Jährige ärztlicher Leiter des Bereichs Hörimplantate. Zuerst schwindet bei einer Altersschwerhörigkeit in der Regel die Empfindlichkeit des Ohres für hohe Töne. Gleichzeitig fällt es zunehmend schwer, Worte zu verstehen, wenn Hintergrundgeräusche entsprechend laut sind. Allmählich erfasst die Hörminderung auch mittlere und tiefe Töne.

Laute Geräusche werden als extrem störend empfunden. Das kann auch psychisch belasten: Musik, die einst als schön empfunden wurde, klingt wie Lärm. Gespräche sind kaum mehr möglich. Betroffene ziehen sich zurück, soziale Isolation bis hin zur Depression droht. Prävention sei schwierig, sagt Oberarzt Rak.

Einzig ein lebenslanger Schutz vor hoher Lautstärke könne vorbeugend wirken. Aber: Es gebe inzwischen für fast jede Form der Hörstörung eine Therapie, die es Betroffenen ermögliche, wieder gut an der Gesellschaft teilzunehmen.

Bei der Altersschwerhörigkeit sollte zunächst ein Hörgerät getestet werden. Dabei gilt: Dieser Schritt sollten möglichst früh erfolgen – etwa, wenn der Fernseher lauter gestellt werden müsse; wenn man im Stimmengewirr einer Familienfeier nichts mehr verstehe; wenn es häufig zu Streit mit dem Lebenspartner wegen Nichtverstehen komme.

Erste Anlaufstelle ist dann ein HNO-Arzt. Den frühen Therapiebeginn empfiehlt Rak unter anderem, weil mit 50 Jahren die Bedienung eines Hörgeräts für Patienten einfacher sei als mit 80 Jahren. Und auch das Gehirn tue sich in jüngeren Jahren mit der Gewöhnung an das Hören mit Gerät leichter.

In der Regel dauere diese um die drei Monate. In der Zeit müsse das Hörgerät mehrfach vom Akustiker nachjustiert werden, so der HNO-Arzt. Viel getan hat sich in der jüngeren Vergangenheit in Sachen Technik. So gibt es inzwischen komplett „unsichtbare“ Hörgeräte, die im Gehörgang verschwinden oder Hörimplantate, die komplett unter die Haut gesetzt werden.

Einen Schritt weiter reichen dann die Cochlea-Implantate. Während beim gesunden Menschen Schallwellen im Ohr in elektrische Signale umgewandelt werden, umgehen die Innenohrprothesen diesen Schritt und reizen die Nerven direkt.

Letztlich ersetzen die Implantate also die Gehörschnecke und können Patienten, die an einer hochgradigen Schwerhörigkeit oder Taubheit leiden, wieder ein Hören ermöglichen. Rak spricht von einer „gewissen Intelligenz“ aller modernen Geräte, die sich heute beispielsweise der jeweiligen Umgebung anpassen können.

Die Finanzierung jeder Form der technischen Hörrehabilitation, sei es ein Hörgerät oder ein Implantat, ist laut dem Mediziner im Gesundheitssystem vorgesehen.

Teile.