„Die Welt stürzt auf dich ein“

Wenn Hörverlust im Alter als sichtbarer Defekt und Kränkung empfunden wird

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Prof. Dr. Ralf Dieler ist HNO-Arzt in Würzburg. Foto: Frank Dziamski/www.pit-business.de

Prof. Dr. Ralf Dieler ist HNO-Arzt in Würzburg. Foto: Frank Dziamski/www.pit-business.de

„Wir hören nicht mit unseren Ohren, sondern mit unserem Gehirn“, sagt der Würzburger HNO-Arzt Professor Dieler. Denn es ist ein langer Weg, bis die Schallwellen als neuronale Impulse im Gehirn ankommen und in verwertbare Informationen umgewandelt werden.

„Ein reduziertes Hörvermögen kann unser Gehirn durch Kombinationsgabe bis zu einem gewissen Grad ausgleichen“, erklärt Dr. Ralf Dieler. „Oft sind es daher zuerst andere, die eine Schwerhörigkeit bemerken.“

„Mutti, mach was!“

Davon weiß auch Eva Thom (Name von der Redaktion geändert) zu berichten. „Wenn meine Söhne quer durchs ganze Haus rufen, braucht sich keiner wundern, wenn ich mal etwas falsch verstehe“, dachte sie lange Zeit. Eines Tages aber habe sie am Ende einer Radiosendung zum Thema Landwirtschaft „und die Katze spielt“ verstanden. „Ich habe ewig überlegt, was damit gemeint war. Bis mir aufging, dass es ‚und die Kasse stimmt’ geheißen hatte.“

Da fiel ihr ihre Schwiegermutter ein, die sich bis zuletzt geweigert hatte, zum Ohrenarzt zu gehen. „Ich höre gut, Ihr nuschelt nur so“, habe sie immer gesagt. Aus diesem Bewusstsein heraus macht sie schließlich doch einen Termin. Prof. Dieler stellt eine leichte Schwerhörigkeit fest und rät zwei Jahre später schließlich zu einem Hörgerät. „In meinem Beruf ging es nun nicht mehr ohne.“

Höreinschränkungen werden letzten Endes immer subjektiv empfunden und sind stark davon abhängig, was der Betroffene beruflich tut und wie er seine Freizeit gestaltet. Die Vorstellung jedoch, ein Hörgerät zu tragen, war für die 62-Jährige schrecklich: „Ich empfand es als Kränkung, als sichtbaren Defekt.“ Das kann Dieler nicht nachvollziehen: „Eine Brille ist ebenso ein Hilfsmittel, um eine Einschränkung auszugleichen, aber sie wird als Modeaccessoire eingesetzt. Ein Hörgerät ist doch nichts anderes.“

„Die Welt stürzt auf dich ein“

Eva Thoms erster Versuch, ein Hörgerät zu tragen, scheitert aber aus anderen Gründen: „Ich hatte das Gefühl, die ganze Welt stürzt auf mich ein und ich kann mich nicht wehren. Da habe ich das Ganze abgebrochen.“

Dr. Dieler: „Eine gleitende Anpassung des Gerätes, also eine sukzessive Verstärkung der Lautstärke, ist sehr wichtig.“ Gerade bei normaler Altersschwerhörigkeit habe sich der Betroffene an sein eingeschränktes Hörerlebnis gewöhnt – hohe Frequenzen wie Frauenstimmen oder Vögelgezwitscher würden gar nicht mehr wahrgenommen. Wenn man diese unvermittelt „voll aufdrehe“, könne die Flut der Höreindrücke überfordern.

Hören trainieren

Der zweite Akustiker besteht auf ein begleitendes Hörtraining: Mithilfe einer Übungsmappe und CD muss Eva Thom zwei Wochen lang 20 Minuten pro Tag trainieren, um vorsichtig an die neue Hörsituation herangeführt zu werden.

„Am Computer wurden die Lautstärken und Qualitäten der Hörgeräte dann regelmäßig an mein Hörempfinden angepasst. Das war zwar aufwendig, aber hilfreich“, sagt sie. Das optische Problem hat sie ganz pragmatisch gelöst: „Ich habe mir einfach die Haare ein bisschen länger wachsen lassen.“

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