Alle gehören dazu!

Gegen Altersarmut - Stadt Würzburg schreibt seniorenpolitisches Gesamtkonzept fort

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Das Internetcafé von und für Senioren gilt als vorbildliche Senioreninitiative in Würzburg. Foto: Pat Christ

Ob man jemals 85, 95 oder gar 100 Jahre alt wird? Ungewöhnlich ist das heutzutage ja nicht mehr. Wobei sich die Frage stellt: Wie wäre es denn, hochbetagt in Würzburg zu leben? „Es sollte auf jeden Fall gut, respektvoll und erfolgreich möglich sein“, sagt Volker Stawski, Leiter der städtischen Beratungsstelle für Senioren. Ein hehres Ideal. Das seniorenpolitische Gesamtkonzept der Stadt, das soeben fortgeschrieben wurde, zeigt auf, wie dieses Ziel realisiert werden könnte.

Momentan machen Senioren nicht immer gute Erfahrungen, wenn sie sich zu Wort melden, wenn sie sich einbringen und mitmischen wollen. Erfolge bleiben aus, da es mitunter an Respekt der Jungen gegenüber den Alten mangelt, bestätigt Heinz Knauth, 77 Jahre alter Senior, der beim TSV Lengfeld als Ehrenrat fungiert. „Als wir jung waren, haben wir uns aber auch nicht viel anders verhalten“, gibt der ehemalige Bankdirektor zu. Umso dankbarer ist er für das Gesamtkonzept: „Es gibt uns Senioren Schützenhilfe, denn ihm kommt die Rolle eines Pflichtkatalogs für den Stadtrat zu.“

Was gut für ältere Menschen ist, sollen dem Konzept zufolge nicht mehr jene bestimmen, die noch fern vom Seniorenalter sind – und eigentlich gar nicht genau wissen können, wo betagten Menschen der Schuh drückt. „Wir haben die städtische Seniorenvertretung erstmals mit einem eigenen Themenfeld im Gesamtkonzept aufgeführt“, erläutert Volker Stawski. Unter dem Motto: „Nicht über uns ohne uns“, wie es auch die Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen fordert, sollen Senioren in Zukunft selbst das Wort für ihre Anliegen ergreifen.

Der Experte für Seniorenpolitik sieht es daneben als wichtig an, der Altersarmut vorzubeugen. Dem seniorenpolitischen Gesamtkonzept zufolge sind auch in Würzburg immer mehr Ältere gezwungen, mit dem kargen Einkommen aus der „Grundsicherung im Alter“ auszukommen. Zwischen 2010 und 2015 stieg die Zahl der bejahrten Männer und Frauen, die diese Hilfe benötigen, um 24 Prozent an.

Jeder 20. Senior in der Stadt lebt aktuell am Existenzminimum. Mit einem Hilfsfonds versucht die Seniorenvertretung, die größten Notlagen alter Menschen aufzufangen. Dass es ältere Menschen gibt, die abends im Dunkeln in ihrer Wohnung sitzen, weil ihnen der Strom abgedreht wurde, kann und darf nicht sein, meinten Würzburger Senioren und wandten sich 2016 an die Stadtwerke.

Peter Wisshofer, 78 Jahre alt, ehemals Geschäftsführer und seit kurzem Leiter des Würzburger Internetcafés von und für Senioren, gehörte der Abordnung an. „Wir wollten erreichen, dass die Stadtwerke den Betroffenen Kontakt zu uns und dem Hilfsfonds vermitteln“, berichtet er. Für Senioren ist es überhaupt aus verschiedenen Gründen oft mühsam, Hilfsangebote, die in den vergangenen Jahrzehnten in der Stadt aufgebaut wurden, in Anspruch zu nehmen. Ein Grund ist mangelnde Mobilität im Alter.

Das Thema „Aufsuchende Beratung“ soll Stawski zufolge darum eine größere Bedeutung erhalten „Nur vor Ort in der eigenen Wohnung, kann oft abgeklärt werden, was nötig ist.“ Das Gesamtkonzept sieht vor, bei der Seniorenberatungsstelle eine aufsuchende Beratung aufzubauen: „Dazu wird in Zukunft mehr hauptamtliches Personal und auch ehrenamtliche Hilfe aktiv werden.“

Um die 80 Jahre alt zu sein, heißt nicht automatisch, immobil zu Hause zu sitzen. Heute sind Hochbetagte oft sehr rüstig. Sie wollen, mehr noch: Sie sollen sich rühren. „Um das psychosoziale Gleichgewicht zu erhalten, sind Mobilität, Bewegung, Sport und Aktivität gerade im Alter von großer Bedeutung“, sagt Stawski.

Hier will das Gesamtkonzept künftig neue Akzente setzen. So soll der Sportbeirat zusammen mit der Seniorenvertretung und dem Seniorenbeirat weitere Bewegungs- und Sportangebote für Senioren etablieren. Wobei es bereits eine Menge Angebote gibt. Allerdings ist nicht klar, wo was stattfindet. Eine solche Übersicht zu erstellen, bedeutet eine Herkulesarbeit, weiß Herbert Schmidt, 79 Jahre alt, ehemals leitender Angestellter und Initiator des Würzburger Internetcafés von Senioren für Senioren.

Ehrenamtlich sei dies keinesfalls zu schaffen, so der Ingenieur. Seit drei Jahren kämpfen Senioren darum, dass die Stadt eine Person anstellt, die sämtliche für Senioren geeignete Sport-, Präventions-, Reha- und Bewegungsangebote in Würzburg recherchiert. „Leider treten wir hier auf der Stelle“, bedauert Heinz Knauth, der dieses Projekt maßgeblich vorantreibt.

Ein professionell betreutes Senioren- und Gesundheitssport-Konzept wäre nach seinen Worten ein echter Gewinn für Senioren aus Stadt und Landkreis. In diesem Konzept würde nicht nur aufgeführt, was Sportvereine anbieten. Auch Angebote der Stadt, der Kirchengemeinden, der Alten- und Pflegeheime sowie der Krankenkassen wären in einer Internet-Plattform aufgelistet. Für jeden Senior, ist sich Knauth sicher, wäre irgendetwas dabei.

Überhaupt müsste das Thema „Öffentlichkeitsarbeit“ gestärkt werden. Denn auch soziale und kulturelle Angebote für Senioren in der Stadt erreichten die Zielgruppen oft nicht, sagen Würzburgs aktive Senioren, wie zum Beispiel das Angebot der Laienschauspielgruppe „Straßenkrimi“, die ständig auf der Suche nach älteren Mimen ist. Peter Wisshofer gehört dem Ensemble an. „Jüngere Rollen zu besetzen, ist relativ einfach“, erklärt der kulturell interessierte Senior: „Doch wir suchen oft händeringend nach älteren Protagonisten.“

Für die Integration der Älteren sind dringend bessere Informations-, Koordinations- und Vernetzungsstrukturen mit allen Akteuren der Gemeinwesenarbeit nötig, bestätigt Volker Stawski. „Dabei müssen wir auch bereit sein, die eine oder andere überholte Denkweise zu revidieren“, so der Appell des Seniorenberaters.

Das Denken „Hier die Jungen – Da die Alten“ sei völlig antiquiert: „Wir müssen endlich anfangen, tatsächlich inklusiv zu denken. Alle gehören dazu!“

Zahlreiche Angebote auch im Landkreis Würzburg unter www.seniorenwochen.info

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