Von Lebensgeistern und Nervenkostümen

Lebenslinie im Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Michael Stolberg über medizinische Redewendungen und deren Historie

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Foto: Prof. Dr. Dr. Michael Stolberg

Foto: Prof. Dr. Dr. Michael Stolberg

Redewendungen beziehen sich oft auf körperliche Phänomene.

Wir fahren aus der Haut, wenn uns etwas aufregt, wir schwitzen Blut und Wasser, wenn wir uns Sorgen machen, wir haben schwache Nerven, wenn uns Erlebnisse psychisch rasch überfordern.

Doch was steckt hinter diesen Redensarten?

Gemeinsam mit Professor Dr. Dr. Michael Stolberg hat sich die Lebenslinie-Redaktion auf historische Spurensuche begeben.

Der Leiter des Instituts für Geschichte der Medizin der Würzburger Universität war zunächst praktizierender Arzt, bevor er sich medizinhistorischen Forschungen widmete und zusätzlich im Fachbereich Geschichte promovierte.

„Grundsätzlich lassen sich medizinische Redewendungen nicht selten auf die teilweise ganz anders gearteten Vorstellungen der vormodernen Medizin zurückführen“, so Stolberg.

Den Ausdruck „den Geist aufgeben“ beispielsweise setzt Stolberg in Bezug auf die Lebens- und Seelengeister im Körper.

Von der Antike bis ins 18. Jahrhundert, immerhin an die 3000 Jahre, glaubte man demnach, dass alle Lebensvorgänge, die Affekte, die Sinneswahrnehmungen und die Motorik, von sogenannten Lebensgeistern aufgenommen und ausgelöst werden.

Dies meinte man durchaus nicht metaphorisch, wie Stolberg betont, sondern die Lebensgeister wurden als stofflich fassbare Substanz gedeutet.

Dies lasse sich auch an anderen Beispielen sehen: So gelte das Herz seit langer Zeit als Sitz der Gefühle, was in der Vergangenheit im konkret körperlichen Sinn gemeint war, während es heute nur noch eine bildliche Vorstellung sei.

Die Redewendung „Blut und Wasser schwitzen“ entstand Stolberg zufolge aus konkreten (Krankheits-) Beobachtungen.

So gäbe es historische Berichte, die das Phänomen schildern, dass Blut und Wasser über die Haut abgesondert wurden. Diese Beobachtungen, so der Professor weiter, können auf medizinische Einzelfälle zurückzuführen sein, bei denen die Blutgerinnung gestört war.

Diese körperliche Ausnahmeerscheinung könnte demnach den Ausdruck „Blut und Wasser schwitzen“ mitgeprägt haben.

Eine ganze Reihe von Redensarten bezieht sich auf die menschlichen Nerven: Auf die Nerven gehen, ein schwaches Nervenkostüm haben, einen Nervenzusammenbruch erleiden usw.

Stolberg weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass erst im 18. Jahrhundert die Nerven überhaupt als zentral für die Gesundheit angesehen wurden.

Vor allem im Bezug auf Frauen der Oberschicht wurden sie demzufolge erwähnt und meinten eine hohe bis krankhafte Sensibilität und Emotionalität.

In der literarischen Strömung der Empfindsamkeit, so Stolberg weiter, erfuhr dieses Phänomen eine deutliche Aufwertung.

Im 19. Jahrhundert weitete sich die Bedeutung der Nerven weiter aus. In allen Schichten und bei allen Geschlechtern fanden sich nun Betroffene, die über schwache Nerven klagten bzw. denen schwache Nerven zugeschrieben wurden, erläutert Stolberg.

In dem Gespräch mit Prof. Stolberg wird klar: die medizinischen Vorstellungen über unseren Körper sind wie alle Wissenschaften einem steten Wandel unterworfen.

Heute gebräuchliche Redensarten legen davon Zeugnis ab und weisen tief in die menschliche Geschichte.

Das Gespräch mit Prof. Dr. Dr. Michael Stolberg führte Esther Schießer.

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