Mit anderen Augen sehen

Sehtrainerin Claudia Heil schärft den Blick für neue Perspektiven

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„Mit 83 Prozent nimmt der Sehsinn die Spitzenposition bei unserer Wahrnehmung ein. Hören, Riechen, Schmecken und Tasten machen nur 17 Prozent aus“, weist Sehtrainerin Claudia Heil auf die Bedeutung der Augen hin. Foto: Susanna Khoury

Der französische Schriftsteller Marcel Proust hat gesagt: „Die wahren Entdeckungsreisen bestehen nicht darin, neue Landschaften aufzusuchen, sondern neue Augen zu haben.“ Mit anderen Augen sehen, das ist auch das Anliegen von Augen- und Sehtrainerin Claudia Heil aus Oberleichtersbach, wenn sie etwa zum Sehspaziergang durch den Kurpark von Bad Brückenau und die angrenzenden Wälder einlädt. Zusammen mit ihr und zwei anderen Teilnehmerinnen habe ich mich vergangenen Oktober auf den Weg gemacht und in dreieinhalb Stunden „Sehschule“ einen anderen Blick bekommen, für das, was man vermeintlich kennt und schon so oft wahrgenommen hat, aber nicht mehr richtig anschaut, geschweige denn, hinterfragt.

„Lösen Sie sich bewusst von dem, was Sie zu wissen glauben und betrachten Sie die Dinge, wie Kinder es tun, wenn sie sie zum allerersten Mal sehen“, rät Coach Claudia Heil. Sie lässt uns „blind“ (geführt durch einen Partner, aber mit geschlossenen Augen) durch die Gegend gehen oder die Augen schließen und in die Sonne sehen. Oder auch mit den Augen Äste nachfahren. Oder mit den Augen von einem Baum zum anderen hüpfen. Quasi unverfängliche Blicke üben, die haften bleiben.

Zwischendrin ist „palmieren“ angesagt, damit die Augen entspannen können. „Palmieren“ kommt aus dem Amerikanischen und bedeutet Abschirmen. Claudia Heil macht vor, wie es geht: „Die Handinnenflächen aneinander reiben und dann beide Hände über die Augen legen, um diese zu verdunkeln. Die Fingerspitzen liegen auf der Stirn und der Handballen auf den Wangenknochen. So lange in dieser Position verweilen, wie es sich gut anfühlt!“

Normalerweise würden wir 25 Mal in der Minute blinzeln, um die Augen zu entspannen. Das Arbeiten etwa am Bildschirm verhindere das und so könne es beispielsweise zu tränenden Augen, Kopfschmerzen und nachlassender Sehkraft kommen, so die Trainerin, die ihr Wissen präventiv im Rahmen von betrieblichem Gesundheitsmanagement Firmen anbietet. Goethes Farbenlehre sei für sie evident: „Farben sind immer essenziell. Und jeder sieht Farben anders.“

Während Männer bestimmte Blautöne als türkis sehen, würden Frauen diese als grün wahrnehmen: „Und beides stimmt!“, betont Heil. Beim Sehen gäbe es kein Richtig und kein Falsch. Sehen passiert im Gehirn, über Impulse, die auf der Netzhaut entstehen. Diese werden über Sehnerven zum Sehzentrum im Gehirn weitergeleitet und dann zu einem Bild zusammengefügt. Interessanterweise auch dann, wenn es nur fehlerhafte oder unvollständige Informationen übermittelt bekommen hat (siehe Lebenslinie Oktober 2017, S. 19 „Wenn das Auge ‚irrt‘“).

„Auf unserer Netzhaut befinden sich rund sechs Millionen Zapfen, die für das Farbsehen verantwortlich sind und rund 100 Millionen Stäbchen, die für hell und dunkel zuständig sind“, weiß die Sehtrainerin nach Wolfgang Hätscher-Rosenbauer.
Die Sehzellen (Zapfen und Stäbchen) seien von der Evolution her darauf ausgerichtet, mittig scharf zu sehen, so Claudia Heil. Daher konzentriere sie sich mit ihren Teilnehmern gerne auf ein anderes Blickfeld, andere Blickwinkel, nach rechts, links, oben oder unten schauen. Das sei wie „Augen-Yoga“, meint die 53-Jährige.

In ihrem Skript, das jeder Teilnehmer für Zuhause mitbekommt und das nach dem Sehspaziergang noch durchgegangen wird. Hier finden sich auch zahlreiche Übungen zum ganzheitlichen Entspannen, wie Ohren-Massage, Augenklopfmassage oder die „Eule“ (eine Dehnübung für verspannte Schulter- und Nackenmuskulatur).

Denn Sehen sei mehr als nur auf die Augen schauen, findet Heil. Sie betont aber auch, dass ihr Sehtraining keinen Gang zum Augenarzt ersetze, sondern eher als Wellness für müde und gestresste Augen anzusehen sei!

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