Herz außer Takt

Dr. Rainer Schamberger über Vorhofflimmern

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Foto: Dr. Schamberger ©Klinikum Main-Spessart Lohr

„Etwa 1,8 Millionen Patienten mit Vorhofflimmern leben in Deutschland“, berichtet die Deutsche Herzstiftung e. V. in einer Mitteilung Ende letzten Jahres. Es handle sich hierbei um die „häufigste Herzrhythmusstörung“, bei der das Herz unregelmäßig schlage, sodass sich Blutgerinnsel im Herzen bilden, die vom Blutstrom mitgerissen etwa zu einem Schlaganfall führen können.

Das Risiko, Vorhofflimmern zu bekommen, steige mit zunehmendem Alter. Bei Menschen unter 50 Jahren liege die Häufigkeit bei deutlich unter einem Prozent, bei den über 60-Jährigen bei vier bis sechs Prozent und bei den über 80-Jährigen bei neun bis 16 Prozent.

„Männer sind in jüngeren Jahren häufiger betroffen als Frauen“, heißt es hierzu in einer entsprechenden Broschüre der Stiftung. „Unser Herz vollbringt echte Höchstleistungen“, sagt Dr. Rainer Schamberger, Chefarzt der Kardiologie am Klinikum Main-Spessart in Lohr.

Im Ruhezustand schlage es bei einem gesunden Erwachsenen rund 70 Mal pro Minute, also gut 4.200 Mal pro Stunde, 100.800 Mal pro Tag und ganze 36,5 Millionen Mal im Jahr. Ein normaler Sinusrhythmus, abhängig von der Belastung, zeige sich durch eine Herzfrequenz im Normalbereich von 60 bis 100 Herzschlägen pro Minute. Beim Vorhofflimmern ist das anders. Das Herz gerät außer Takt. Die Herzschläge folgen chaotisch aufeinander. Das Herz kann dann mit einem Puls von bis zu 160 Schlägen pro Minute geradezu rasen – in seltenen Fällen sogar noch schneller. Eine solche chaotische Herzschlagfolge kann jedoch auch mit einer normalen Herzfrequenz einhergehen.

In der Regel tritt Vorhofflimmern zunächst in einem plötzlichen Anfall auf (akutes Vorhofflimmern). Meist hört die Herzrhythmusstörung binnen 24 Stunden wieder auf. Bei jungen Menschen kann es sich, etwa aufgrund von zu viel Alkohol, um ein einmaliges Ereignis handeln. „Meist aber hat diese Herzrhythmusstörung die Eigenschaft, erneut aufzutreten und chronisch zu werden“, so die Deutsche Herzstiftung. Die Symptome von Vorhofflimmern sind vielfältig.

„Sie reichen von Angst, Schweißausbrüchen und Schwindel, über Herzklopfen oder Herzrasen und Aussetzern, über Schwächegefühl, Luftnot, Angina pectoris (Brustenge, Herzenge) bis hin zur Bewusstlosigkeit (Synkope)“, erklärt der Facharzt für Innere Medizin und Kardiologe und rät, in solchen Fällen unbedingt einen Arzt aufzusuchen. Denn Vorhofflimmern könne gefährlich werden, zu Stürzen, Unfällen und Verletzungen führen.

Die Folgen können lebensbedrohlich sein, wenn es etwa zu einem Schlaganfall oder Herzstillstand komme. Besonders tückisch: „Gerade bei älteren Patienten tritt Vorhofflimmern häufig ohne Beschwerden auf“, so der Kardiologe. Umso wichtiger sei es, regelmäßig den Puls zu fühlen, ein EKG zu machen und den Blutdruck zu messen. Die Auslöser für Vorhofflimmern könnten dem Mediziner mit Weiterbildung Spezielle Internistische Intensivmedizin zufolge vielfältig sein.

In Betracht kämen starker Alkoholgenuss, Schlafmangel, Rauchen, große Mengen Koffein, opulente Mahlzeiten oder extremer Stress. Als Ursachen führt der Chefarzt für 70 Prozent der Fälle Bluthochdruck auf. Unter anderem kämen aber auch Übergewicht, eine koronare Herzkrankheit, eine Herzklappenerkrankung, Myokarditis (Herzmuskelentzündung), dilatative und hypertrophe Kardiomyopathie oder Diabetes in Betracht. Auch eine Überfunktion der Schilddrüse oder eine chronische Lungenerkrankung könnten Vorhofflimmern verursachen.

Wichtig zu wissen: Bei etwa zehn Prozent der Patienten finde sich zunächst keine Erkrankung, so die Deutsche Herzstiftung. Was also tun? Ursachen behandeln, individuelle Medikamente gegen Rhythmusstörungen respektive zu schnellen Herzschlag verordnen, gegebenenfalls eine elektrische Kardioversion, sowohl in Notfällen – hier heißt sie Defibrillation – als auch als geplante Therapie (elektiv) durchführen, so Dr. Schamberger. Auch eine Katheterablation komme in Betracht. Hierbei „werden durch Abgabe von Hochfrequenzstrom im Mündungsgebiet der Lungenvenen punktförmige Verödungsnarben gesetzt. Sie sollen die Weiterleitung von elektrischen Impulsen stoppen, die eine häufige Ursache des Vorhofflimmerns sind“, erklärt hierzu das Ärzteblatt**.

Doch was kann der Betroffene selbst tun? Bisher hieß es, dass Patienten wenig selbst dagegen tun können. Neueste Studien*** zeigen aber, dass nicht nur Tabletten oder medizinische Maßnahmen für den richtigen Takt sorgen können. Das sieht auch der Experte aus Lohr so. Gegen Vorhofflimmern und seine Begleiterscheinungen würden ihm zufolge Maßnahmen wie Ausdauertraining, Abnehmen bei Übergewicht, eine gesunde Ernährung, der Verzicht auf Nikotin, eine Einschränkung des Alkoholkonsums sowie ein Stressabbau helfen.

Und nicht zu vergessen: die konsequente Behandlung von Begleiterkrankungen.

Quellen: *https://leitlinien.dgk.org/files/2016_PLL_Vorhofflimmern_2Auflage_%c3%bcberarbeitet.pdf, ** https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/72634/Vorhofflimmern-Register-ermittelt-hohe-Erfolgsrate-aber-auch-Risiken-der-Katheterablation, *** Studien: 1) Impact of CARDIOrespiratory FITness on Arrhythmia Recurrence in Obese Individuals With Atrial Fibrillation http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/26113406, 2) Long-Term Effect of Goal-Directed Weight Management in an Atrial Fibrillation Cohort: A Long-Term Follow-Up Study (LEGACY). http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/25792361

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