Gut leben auch mit Demenz

Der 6. Würzburger Demenztag stand unter dem Motto „Demenzkultur“

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Forscher der Würzburger Uniklinik versuchen in der Vogel-Studie herauszufinden, ob sich eine Demenz früh feststellen lässt. Foto: Pat Christ

Viele führen ein zurückgezogenes Leben: Weil sie nicht auffallen wollen, gehen Familien, in denen ein Mitglied an Demenz erkrankt ist, kaum noch raus. „Doch das sollte in einer inklusiven Gesellschaft nicht sein“, sagt Volker Stawski, Leiter der städtischen Beratungsstelle für Senioren und Menschen mit Behinderung. Beim 6. Würzburger Demenztag plädierte Stawski für eine neue gesellschaftliche Kultur, in der alle Menschen unabhängig von ihrer Einschränkung teilhaben können.

„Wir selbst sind es“, sagt Stawski, „die die Welt, in der wir leben, gestalten.“ Derzeit ist die Welt noch so gestaltet, dass einschneidende Erkrankungen wie Demenz oft mit Angst und Ausgrenzung einhergingen. Dass sich das ändert, dazu wollen die Würzburger Demenztage einen Beitrag leisten. In diesem Jahr standen sie unter dem Motto „Demenzkultur“. Verschiedene Organisationen machten darauf aufmerksam, wie sich die gesellschaftliche Kultur ändern müsste, damit Menschen mit Demenz integriert sind. Außerdem gab es viele Tipps, wie Kunst und Kultur heilsam bei Demenzerkrankungen eingesetzt werden können.

Zu wissen, wie ein demenzkranker Mensch früher lebte, kann ein Aha-Erlebnis auslösen, sagt Ursula Weber vom Würzburger Verein „Halma“. Jeder Mensch, so die Angehörigenberaterin, habe seine eigene Kultur, die sein Leben präge. Demenziell veränderte Menschen pflegen diese Kultur oft noch, auch wenn dies in ihrem aktuellen Leben keinen Sinn mehr ergebe. Weber verdeutlichte dies an einer jüdischen Patientin: „Sie konnte es nicht ertragen, wenn in der Küche Milch und Fleisch beieinanderstanden.“

Es stellte sich heraus, dass dies an jüdischen Speisegesetzen lag: „Die Milch- und die Fleischküche sind diesen Gesetzen zufolge strikt getrennt.“ Viele Dinge, die man sein Leben lang nicht vergisst, haben etwas mit Kultur zu tun. Längst bekannt ist, dass selbst Menschen mit ausgeprägter Demenz Lieder, die sie in ihrer Jugend sangen, auswendig können. Märchen haben einen ganz ähnlichen, beglückenden Effekt, erklärt der Würzburger Geriater Michael Schwab vom Bürgerspital.

Wer bei sich selbst eine Veränderung beobachte, was die eigene Gedächtnisleistung belange, sollte so schnell wie möglich abklären lassen, worauf dies zurückzuführen ist. Darauf macht Martina Rothenhöfer von der Gedächtnisambulanz der Uniklinik Würzburg aufmerksam. Das Team der Ambulanz versuche jedoch nicht nur, eine Demenz möglichst früh zu diagnostizieren: „Wir bieten auch Therapien an.“ Bei Bedarf werde Menschen mit Demenz eine ambulante psychiatrische Pflege vermittelt.

An der psychiatrischen Klinik der Uni Würzburg wurde 2010 eine von der Würzburger Vogel-Stiftung geförderte Studie zum Thema „Demenz“ etabliert. Dabei geht es um die Frage, ob es möglich ist, schon sehr frühe Formen von Demenz zu identifizieren. „Wir streben den Abschluss der Studie spätestens für das Frühjahr 2021 an“, berichtet der Psychiater PD Dr. Thomas Polak. Danach werden die Daten ausgewertet. „Wenn wir eine Möglichkeit hätten, Demenz vorauszusagen, könnten wir Medikamente vielleicht endlich gezielt einsetzen“, so Dr. Polak zur Bedeutung der Untersuchung.

Noch existiert kein Heilmittel gegen die chronische Krankheit Demenz. Zwar gab es in jüngster Zeit
hoffnungsvolle Therapie-Ansätze. Doch bei genaueren Untersuchungen stellte sich bisher stets heraus, dass die Ansätze nicht das hielten, was sie versprachen. Inzwischen werde die bisherige Theorie, wie eine Demenz entstehe, in Zweifel gezogen, so Polak. Forscher gingen bislang davon aus, dass Ablagerungen aus Beta-Amyloid-Proteinen den bei Alzheimer typischen Tod von Gehirnzellen verursachen. „Doch möglicherweise sind die Amyloid-Ablagerungen gar nicht zentral“, erklärt der Spezialist für Demenz.

Wer sich vor Demenz schützen möchte, sollte sein Gedächtnis trainieren und sich regelmäßig körperlich bewegen. Dr. Polak: „Ein bisheriges Hauptergebnis unserer Studie ist außerdem, dass Gefäßerkrankungen einen Risikofaktor darstellen.“ Es sei deshalb wichtig, dass Cholesterin, Blutzucker und Blutdruck gut eingestellt sind. Das sei nicht immer so: „Aufgrund der Befunde unseres ersten Studienabschnitts haben wir gesehen, dass auch Menschen mit Gefäßrisikofaktoren in Würzburg und Umgebung noch immer nicht gut eingestellt sind.“

Allerdings habe es in den letzten Jahren Fortschritte gegeben: „Deshalb gibt es auch weniger
Neuerkrankungen als vorhergesagt.“ Dass hinter einer Gedächtnisstörung nicht immer die Diagnose Demenz stecke, darauf macht Dirk Westphal von der Neurogerontopsychiatrischen Tagesklinik von Uni Würzburg und Bürgerspital aufmerksam. Manchmal können sich Senioren deshalb nichts mehr merken, weil sie eine Altersdepression entwickelt haben. Teilweise treten dem Pfleger zufolge Depressionen und Demenz auch zusammen auf.

Märchen gegen Demenz
„Es war einmal …“ – an genau solche ritualisierten Formeln könnten sich von Demenz betroffene Menschen oftmals noch erinnern, ebenso an Musikstücke, die sie früher gehört hatten, so der Chefarzt des Geriatriezentrums im Bürgerspital Dr. Michael Schwab. Daher hat das Bürgerspital mit seinen Senioreneinrichtungen an dem mit staatlichen Mitteln geförderten Pilotprojekt des Bundes „Märchen gegen Demenz“ teilgenommen. Bewohner in Pflegeheimen, insbesondere auch solche mit mittelgradiger bis schwerer Demenz, bekamen von professionellen Erzählern, eine Stunde pro Woche Märchen erzählt. Dr. Schwab, der selbst einer Stunden beiwohnte, war beeindruckt, wie schwer erinnerungsgestörte Menschen, wach und mit großer Aufmerksamkeit, in die Geschichten eintauchten: „Ein dementer Bewohner des Wohnstifts von Steren sagte zu mir: ‚Sie haben uns die Freude der Jugend wiedergegeben’“, erzählt Michael Schwab berührt. Und Pflegekräfte würden berichten, dass Alzheimer-Patienten nach der Märchenstunde ruhiger seien und in freudiger Erwartung im Vorfeld der Veranstaltung. Aufgrund der positiven Resonanz werde das Projekt „Märchen gegen Demenz“ in den Senioreneinrichtungen der Stiftung Bürgerspital ab Herbst dieses Jahres verstetigt, so Dr. Schwab. Susanna Khoury

www.buergerspital.de

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