Für und Wider gut abwägen

Neurochirurg Dr. Johann Romstöck über den medizinischen Notfall „Hirnblutung

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„Das Gehirn ist unverzichtbar für die Steuerung unserer Körperfunktionen. Es ist aber auch Sitz von Persönlichkeit, Charakter und Seele. Es unterliegt einer lebenslangen Veränderung,“ sagt Dr. Johann Romstöck. Foto: Dr. Romstöck ©Volker Martin (vm-photo.de)

„Alt“ sein hat dieser Tage eine andere Dimension als noch vor ein paar Jahrzehnten. Schon heute, berichtet der 60-jährige Privat-Dozent Johann Romstöck, hat „jedes zweite neugeborene Kind statistisch gesehen die Chance, 100 Jahre alt zu werden“.

Allerdings gibt es Hürden. „Stolpersteine wie Krebs, Diabetes oder Herzerkrankungen nehmen zu“, so der Chefarzt der Neurochirurgischen Klinik am Leopoldina Krankenhaus in Schweinfurt. „Wünsche und Wirklichkeit am Ende des Lebens, etwa hinsichtlich eines schnellen Todes ohne Leiden, klaffen oft weit auseinander. Bisweilen geht dem Ableben eine lange Krankheit voraus.“

Mit welchen Einschränkungen sind wir im Alter und nach Krankheit bereit zu leben? Nachgegangen ist der Mediziner dieser Frage Ende 2019 in Schweinfurt in einem Arzt-Patienten-Seminar. Einfache Antworten kann hier auch der erfahrenste Mediziner nicht geben. „Manchmal braucht es ein bisschen Zeit, um mit neuen, einschränkenden Situationen zurecht zu kommen und sich anzupassen“, so Romstöck. Er ist überzeugt: „Das geht, zwar nicht immer, aber sehr oft.“ „Das Gehirn ist Zentrum des Bewusstseins, es ist aber auch für die Regelung lebenswichtiger Körperfunktionen unverzichtbar“, sagt das Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie.

Welche Möglichkeiten gibt es also, am komplexesten Organ des Menschen mit seinen rund 100 Milliarden Nervenzellen „operativ zu behandeln“, wenn ein ernstes Problem entsteht? „Man kann einige Funktionen heute finden und genau zuordnen, andere aber wiederum nicht“, erklärt Dr. Romstöck. Häufig hat es der Neurochirurg mit Blutungen im Schädelinneren zu tun. „Sie entstehen, wenn Blutgefäße reißen.“ Diese Situation sei vom klassischen Schlaganfall zu unterscheiden. Hierbei handle es sich nicht um eine Blutung, sondern in der Regel um eine verstopfte Arterie. Der Unterschied sei aber im Akutfall weder für den Betroffenen noch für den eintreffenden
Notarzt auszumachen, wenn der Patient zum Beispiel an halbseitiger Lähmung oder Sprachstörungen leidet“, sagt der Chefarzt aus dem Leopoldina.

„So oder so, eine solche Situation ist ein echter medizinischer Notfall. Eine sofortige Therapie ist lebenswichtig. Time is brain!“, mahnt der Neurochirurg. Warum? „Liegt eine Blutung im geschlossenen Schädel vor, muss diese irgendwo hin. Und drückt daher auf das Gehirn.“ Ähnlich verhalte es sich bei einer Sickerblutung, die zum Beispiel nach einem Stoß auftreten und durch blutverdünnende Medikamente verstärkt werden könne. „Entlastung bringt in beiden Fällen nur eine Operation, von der sich oft auch betagte Patienten gut erholen können.“

Immer wieder hat es Dr. Romstöck auch mit Aneurysmen, krankhaften Aussackungen eines Blutgefäßes, zu tun. „Diese können größer werden und platzen. Eine lebensbedrohliche Blutung entsteht.“ Hier könne ein sogenannter Clip gesetzt werden, der das Gefäß daran hindern soll, erneut zu bluten. Symptome, Anamnese, Diagnose, Operation – in der Theorie hört sich das alles simpel an. „In der Praxis ist es das oft nicht, etwa wenn es darum geht, eine Entscheidung zu treffen. Soll man operieren oder soll man es einfach laufen lassen – im schlimmsten Fall bis zum Tod?“, resümiert der Neurochirurg aus langjähriger Erfahrung.

Er sei froh, wenn er sich in unklaren Fällen beraten könne – sowohl mit Kollegen als auch mit den Angehörigen, falls sich der Patient selbst nicht äußern könne. Gerade Letztere leisten wertvolle Hilfestellung, wenn es um das Für und Wider einer OP gehe. Durch die dem Patienten nahestehenden Menschen erfährt der behandelnde Arzt: Hatte der Patient vor dem Vorfall noch Lebenswillen? Hat er noch mit seinen Enkeln gespielt? War er trotz seines Alters aktiv? Und an welchen weiteren Erkrankungen leidet er?

Johann Romstöck sei immer froh, wenn ein Eingriff gut ausgehe, sich der Patient erhole und nach Hause zurückkehren könne. Das sei nicht immer der Fall. Andererseits müsse manchmal auch die Entscheidung gegen eine Operation getragen und der natürliche Verlauf respektiert werden. „Wir müssen abwägen: Sollen wir etwas tun und tun wir das Richtige.“ Er selbst sei kein „Freund“ der Apparate-Medizin, die alle Möglichkeiten bis zuletzt ausschöpfe. „Bei ihm wird nur operiert, wenn es helfen kann und sowohl Familie als auch Patient es wünschen. Der Eingriff muss Sinn machen.“

Hier halte es Dr. Romstöck mit Cicely Saunders, der englischen Krankenschwester, Sozialarbeiterin, Ärztin und Begründerin der modernen Hospizbewegung: „Es geht nicht darum, dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben.“

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