Entzauberte Mythen?

Markus Knott über Krebs-Risikofaktoren, die laut Wissenschaft keine sind

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Eine Krebserkrankung kann Anlass sein, die eigene Ernährungsweise kritisch zu hinterfragen. Foto: © silviarita Pixabay

Mit der Frage nach dem Risiko ist das so eine Sache. Subjektive Einschätzungen und Wissenschaft gehen oft getrennte Wege. Das ist beim Thema „Krebs“ nicht anders. Das weiß auch Markus Knott, stellvertretender Leiter des Tumorregisters des Uniklinikums Würzburg. Krebs, so stellt er heraus, entstehe durch eine Vielzahl von Einflussfaktoren, wie die Lebenssituation, Umweltfaktoren, bestimmte Krankheitserreger, Vorgänge in der Zelle oder auch familiäres Risiko. Soweit, so bekannt.

Gleiches gilt für Risikofaktoren, wie Rauchen, Alter, Alkohol, Übergewicht, Sonne oder bestimmte Gifte. Doch was ist dran an sogenannten „Krebsmythen“? Immer wieder ist zu lesen, dass Frauen etwa auf den BH verzichten sollten. Die Argumentation: Lymphbahnen würden abgedrückt und so das Ausschwemmen von Stoffwechselschlacken verhindert. „Ein Beweis hierfür, sprich eine wissenschaftliche Quelle, ist nicht zu finden“, so Knott. Entstanden sein könnten diese Gerüchte aufgrund von Forschungen zum Zusammenhang zwischen Körpergewicht und Brustkrebsrisiko. Und was ist mit der Durchtrennung von Ei- oder Samenleitern?

Auch hier sagt der Fachmann: „Ein gesteigertes Krebsrisiko für Frauen nach einer Sterilisation ist nicht belegt.“ Etwas anders steht es bei Männern. Nicht vollständig geklärt sei das Risiko nach einer Durchtrennung der Samenleiter zur Empfängnisverhütung. Eventuell bestehe ein „leicht erhöhtes Risiko“ für Prostatakrebs, jedoch „kein nachgewiesenes Risiko für Hodenkrebs“. Immer wieder tauchen auch vermeintlich krebserregende Lebensmittel auf. Nachtschattengewächse wie Kartoffeln oder Tomaten würden Alkaloide produzieren, vor allem das „schwach giftige, aber nicht krebserregende Solanin“. Auch Schweinefleisch genießt einen schlechten Ruf. Wissenschaftliche Belege gebe es auch hier nicht. Aber, räumt Knott ein, Schweinfleisch leiste seinen Beitrag als Teil einer Fehlernährung im Sinne von „zu viel, zu fett, zu süß“.

Apropos süß: Nach wie vor sei die Frage offen, ob man einen Tumor „füttere“, wenn man Kohlenhydrate, insbesondere Zucker aufnehme. „Es gibt keine Studien, die hierauf eine pauschale, einfache und für alle Patienten passende Antwort bietet.“ Gleiches gilt übrigens für die sogenannte „ketogene Diät“, eine kohlenhydratlimitierte, protein- und energiebilanzierte und deshalb fettreiche Form der diätetischen Ernährung. Er warnt: „Die meisten Krebspatienten können es sich nicht leisten, auf Kohlenhydrate völlig zu verzichten, um nicht an Gewicht zu verlieren.“

Und was ist mit Vitaminen? „Weder ist gesichert, dass isolierte Vitamine oder Mineralstoffe den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen. Noch ist belegt, dass solche Präparate vor einem Rezidiv (erneuten Auftreten des Krebses) schützen.“ Vielmehr, so Markus Knott weiter, habe sogar bei Gesunden inzwischen gezeigt werden können, dass manche isolierten Vitamine das Krebsrisiko steigerten, anstatt es zu senken. Beispiele seien etwa Vitamin A bei Lungenkrebs. So habe die CARET Studie (The Carotene and Retinol Efficacy Trial) belegt, dass Raucher, die Beta-Carotin, eine Vorstufe von Vitamin A, hochdosiert über einen längeren Zeitraum einnahmen, häufiger an Lungenkrebs erkrankten.

Die SELECT Studie (Selenium and Vitamin E Cancer Prevention Trial) wiederum habe ergeben, dass Vitamin E und Selen das Risiko für Prostatakrebs steigere, es aber auf der anderen Seite keine protektive Wirkung bei anderen Krebsarten gebe. Auf „wenig Faktenwissen“ könne man auch beim Thema Aluminium zurückgreifen. „Aluminium aus Lebensmittelverpackungen hat kein belegbares Krebsrisiko. Dies gilt auch dann, wenn man viel Aluminium über die Nahrung aufnimmt, etwa durch die Verwendung von Alufolie als Verpackungsmaterial.“ Die Kehrseite der Medaille: Es gibt Gesundheitsrisiken. So würden Auswirkungen auf das Nervensystem und die Knochenentwicklung, eventuell auch auf die Fruchtbarkeit, diskutiert.

Und wie steht es um Plastikflaschen? Markus Knott verweist hier auf eine Studie der Europäischen Lebensmittelagentur von 2015. Diese fand kein Gesundheitsrisiko für Menschen jeglichen Alters.

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