Ein Literat, der auch Arzt war

Max Mohr war nach seiner Flucht aus Deutschland in Shanghai tätig

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Wer ihn überhaupt kennt, ordnet Max Mohr in die Rubrik „Literatur“ ein. Und das ist auch richtig so: Der in Würzburg aufgewachsene Schriftsteller war in den 1920er-Jahren einer der meistgespielten Dramatiker in Deutschland. Doch Mohr hat sich nicht nur mit Literatur beschäftigt.

Der Sohn eines jüdischen Malzfabrikanten, der 1934 vor den Nazis nach Shanghai floh, studierte in München Medizin. Warum er sich dafür entschied, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen, sagt der Würzburger Historiker Dr. Hans-Peter Baum. „Vielleicht entschied er sich deshalb für den Arztberuf, weil er darin selbstständig agieren konnte“, erklärt der langjährige Leiter des Zentrums für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken.

Der Drang zur Selbstbestimmung sei Dr. Baum zufolge ein wiederkehrendes Motiv für einige von Mohrs Dramen- und Romanfiguren: „Und das dürfte ihm auch privat wichtig gewesen sein“. Hinzu kommt, dass
es Juden im frühen 20. Jahrhundert freistand, Arzt zu werden. Im Staatsdienst Karriere zu machen, war schwieriger gewesen. Mohrs echte Leidenschaft allerdings gehöre Baum zufolge dem Schreiben: „Damit hatte er schon im Ersten Weltkrieg begonnen.“ Nach seiner Heirat 1920 hatte sich dem damals 29-Jährigen die Chance geboten, aufs Land zu ziehen und dort seiner Neigung nachzugehen. Bis 1934 praktizierte er nicht: „Doch bereits auf der Fahrt nach Shanghai machte er sich große Mühe damit, sein etwas eingerostetes medizinisches Wissen auf den neuesten Stand zu bringen.“

In Shanghai wurden seine deutschen Examina umstandslos anerkannt, auch durfte Mohr sich niederlassen. Der Bruder seiner Frau habe als Teegroßhändler lange in Shanghai gelebt, so der Privatdozent am Lehrstuhl für Fränkische Landesgeschichte der Universität Würzburg: „Er konnte ihm mithilfe alter Beziehungen die Wege ein wenig ebnen.“ Zusammen mit zwei deutsch-jüdischen Kollegen, die Mohr dort kennenlernte, studierte er intensiv auch Tropenkrankheiten. Dr. Baum:
„Max Mohr hatte offensichtlich eine starke Neigung, Menschen zu helfen, auch wenn es ihm finanziell nichts einbrachte.“

In seinen Briefen nach Hause berichtete Mohr immer wieder von der Gratisbehandlung chinesischer Kinder. Andererseits ließ er sich offenbar die Behandlung wohlhabender Patienten gut bezahlen. „Er muss eine ziemlich charismatische Persönlichkeit gewesen sein und konnte so Patienten halten“, erklärt der Würzburger Historiker.

„Würzburg liest ein Buch 2020“ rückt den fast vergessenen Würzburger Arzt und Literaten in den Mittelpunkt des Stadtgeschehens: Vom 23. April bis 3. Mai 2020 finden wieder zahlreiche Lesungen, Vorträge, Symposien, künstlerische Darbietungen, Theater, Tanz und Ausstellungen im öffentlichen Raum und in Galerien statt. Ein Schulwettbewerb lädt Schülerinnen und Schüler aller Schularten zur Auseinandersetzung mit Literatur ein – 2020 zu Max Mohrs „Frau ohne Reue“. Schirmherren sind dann Oberbürgermeister Christian Schuchardt und Dr. Josef Schuster, Arzt und Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, www.wuerzburg-liest.de

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