Die Stenografie des Gefühls

Musiktherapie als neues Angebot im Geriatriezentrum Würzburg, das ab 1. April auch ein interdisziplinäres Ambulanzzentrum vorhält

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Am 1. April feiert das Geriatriezentrum im Bürgerspital 25-jähriges Bestehen. Ein Datum, mit dem auch der Startschuss für ein interdisziplinäres Ambulanzzentrum fällt. Im erweiterten und ausgebauten dritten Stock des Würzburger Geriatriezentrums sollen dann auch verstärkt Patienten von „außerhalb“ die Angebote von Logopädie, Physio-, Ergo-, und Musiktherapie nutzen können. „Durch einen direkten Zugang zum neuen Zentrum und kürzere Wege“, seien die Praxisangebote direkt in der Innenstadt dann noch attraktiver, betont Dr. Schwab. Foto: Susanna Khoury

Parkinsonpatienten machen Schritte zurück ins Leben, ebenso Menschen mit Depression oder Apoplex (Schlaganfall). Und an Demenz Erkrankte fangen an sich wieder zu erinnern … „schuld“ daran ist die Musik. „Musik ist die Stenografie des Gefühls“, wusste schon der russische Romancier Leo Tolstoi.

Und Dr. Michael Schwab (59), Chefarzt des Geriatriezentrums im Bürgerspital Würzburg, bestätigt diese Aussage, indem er Musik als elementaren Bestandteil des Menschseins definiert: „Das biologische Wesen Mensch hat schon immer über Musik und Bewegung kommuniziert. Das haben wir wegrationalisiert. Die Folge: Krankheit! Daher kann Musik wieder Heilung bringen“.

Das bestätigt auch Anna Kraus, seit Anfang 2019 Musiktherapeutin (M.A.) im Geriatriezentrum im Bürgerspital. Musiktherapie helfe sowohl auf körperlicher Ebene, beispielsweise Grob, Fein- und Sensomotorik zu verbessern, als auch auf psychischer etwa bei Demenz, mit Erinnerungsförderung und Ressourcenstärkung, so die Klanggeragogin. „Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an“, sagte der Universalgelehrte E.T.A. Hoffmann, und beschreibt indirekt die Wirkweise von Musiktherapie bei Erkrankungsbildern, bei denen die Stimme versagt.

„Klänge erreichen jeden Menschen, da diese schon vor der Geburt da waren. Bereits der Embryo erkennt die Mutter an der Stimme, an der Sprachmelodie“, so Dr. Schwab. Die Schwingungen der Musik erzeugen Resonanz im Körper, die nach Antwort verlangt. Daher lasse das „Echo“ oft nicht lange auf sich warten. Ob aktives Singen oder musizieren oder nur passives Zuhören. Musik verfehle selten ihre Wirkung, so Musiktherapeutin Anna Kraus (26).

„Mit der Erkenntnis der Medizin, dass auch medikamentöse und operative Therapien Grenzen haben, besonders im Alter, besinnt man sich wieder auf Elementares wie die Musik“, sagt der Internist und Altersmediziner. Auch bei chronischen Schmerzen greife dieses Prinzip der Resonanz, das dem Gehirn ein Echo mitgebe, wie beispielsweise der Gedanke an Meeresrauschen als „bildgebendes Verfahren“ in der Psychologie tue, so Dr. Schwab.

Das Gehirn verstehe die Sprache der Musik, und attestiere damit, dass der Mensch keine Maschine sei. Die „Töne des Lebens“ seien schon vor der Geburt wirksam, daher hätten auch alle Menschen eine Musikbiografie; diese müsse nur reaktiviert werden. Anna Kraus erzählt von einem älteren Herren mit dem sie ein Lied gesungen habe, das ihn an seine verstorbene Mutter erinnert hat. Die Schwester des Altenheims fragte sie, warum sie den alten Mann zum Weinen brächte? Kraus: „Er darf weinen. Das ist eine legitime Emotion!“

Während Singgruppen in Altersheimen oder Reha-Einrichtungen ein beliebiges Repertoire an Liedern rauf und runter singen, selektiert die Musiktherapeutin. Musik habe einen generellen Wirkfaktor, aber auch einen speziellen, bei gezielter Auswahl, so Kraus, die während ihrer Masterausbildung schon 100 Stunden mit Patienten im Geriatriezentrum im Bürgerspital gearbeitet hat. Durch Krankheit oder Pflegebedürftigkeit werde oft das Lebenskonzept einer Person in Frage gestellt, so die Therapeutin. Zentrale Aufgabe jedweder Therapie sei es, dem Menschen Selbstwirksamkeit wiederzugeben.

Und einem Instrument, das man noch nie in der Hand hatte, Töne zu entlocken, dafür vielleicht sogar in der Gruppe Applaus zu bekommen, mache schon stolz! „Die Erfolgsgeschichte der Musik fußt darauf, dass man viele Menschen gleichzeitig emotional berühren kann“, meint der Geriater Dr. Schwab.

Diese Medaille habe aber auch eine Kehrseite, so Musiktherapeutin Anna Kraus: “Wir arbeiten mit den Emotionen der Menschen, mit dieser Macht müssen wir vorsichtig umgehen!“

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