Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt?

Dr. Karin Greiner-Simank über männliche und weibliche Kommunikationssysteme

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„Es ist, als würde ich eine Fremdsprache sprechen“, sagt Meryl Streep alias Katharine Graham in dem Oscar prämierten Kinofilm „Die Verlegerin“¹. Nach dem Tod ihres Mannes übernimmt „Kay“ den Posten der Chefin der Washington Post und den der Vorstandsvorsitzenden des Verlages. Sie ist alleinig umgeben von Männern, die sie weder ernst nehmen noch ihren Anweisungen folgen. Für die meisten ist sie Luft, jedoch keine die sie zum Atmen brauchen. Erst durch ihre Entscheidung, die „Pentagon-Papiere“ zu veröffentlichen, allen Widerständen zum Trotz, akzeptiert und respektiert man(n) ihre Klasse und Kompetenz. Von der Deutschen Film- und Medienbewertung wurde der Film mit dem Prädikat „besonders wertvoll“ ausgezeichnet, nicht zuletzt, weil Regisseur Steven Spielberg mit dem Streifen einen großen emanzipatorischen Moment auf die Leinwand gezaubert habe, heißt es in der Jury-Begründung²: „Streep verkörpert mit jeder Faser ihres Körpers eine Frau, die sich zunächst in das 1970er-Jahre-Rollenverständnis einer Frau fügt und nicht traut, zu sein, wozu sie sich eigentlich berufen fühlt“, so die Jury weiter.

Jetzt könnte man einwerfen, dass der Film die Rolle der Frau in den 1970er-Jahren widerspiegele … weit gefehlt! Laut Dr. Greiner-Simank, die Jahre lang Mentorin für junge Medizinerinnen an der Uni Würzburg war, gebe es nicht nur eine Gender-Pay-Gap (20 Prozent Lohnlücke und bis zu 50 Prozent Rentenlücke zwischen Frauen und Männern 2020 in Deutschland), die Franziska Giffey, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, jetzt ausgleichen will. Es fehle eine wirkliche Gleichstellung von Mann und Frau in Wirtschaft und Gesellschaft. Es gebe zwei Welten und zwei Sprachen, die, wenn sie aufeinanderträfen, mehr trenne als eine.

Das sei völlig wertungsfrei, so die renommierte Chirurgin, die seit Jahrzehnten in einem ausgesprochenem Männer-Ressort zuhause ist, und daher weiß, wovon sie spricht. „Die männliche und die weibliche Sprache und Umgehensweise miteinander sind grundverschieden. Das heißt nicht, dass die eine besser oder die andere schlechter ist, sie sind nur anders“, so die 54-Jährige. Daher müssen Frauen oftmals auch heute noch, wenn sie sich in der „Männerwelt“ durchsetzen wollen, quasi eine „Fremdsprache“ erlernen. Wobei diese „Sprache“ weniger auf Worte setze, so Karin Greiner-Simank, sondern ein „Move-Talk“ sei. Vieles werde nonverbal auf körpersprachlicher Ebene rübergebracht, „mit Revierverhalten, Langsamkeit, raumgreifenden Bewegungen, Betonung, geschickt gesetzten Pausen sowie Präsenz in Blick und Ausdruck“, sagt Greiner-Simank, die im Coaching und in zukünftigen Workshops vertikale (männliche) und horizontale (weibliche) Kommunikationsstrategien beleuchtet und so Licht ins Dunkel der daraus resultierenden Missverständnisse bringt.

„Wenn wir in einem anderen Land etwas werden wollen, lernen wir als erstes die dortige Landessprache“, sagt die Coachin. So müsse Frau sich oftmals auch die „männliche Sprache“
aneignen, um verstanden zu werden und sich in einer „Man’s World“ durchzusetzen, bei gleicher beruflicher Kompetenz. Begründet sei dieser „Gap“ laut Soziolinguistin Deborah Tannen in der Tatsache, dass Frauen schon in der Steinzeit „netzwerkten“ und im Miteinander „Küche und Kinder“ managten, vor allem durch Sprache. Im Gegensatz zu den Männern, die keinen Sinn im Diskutieren sahen, vielmehr im Agieren, und für dieses hierarchische Strukturen festlegten, bevor das Mammut auf der Bildfläche erschien.

Und auch wenn wir uns schon einige Meilen von der Frühzeit entfernt haben, diese archaischen Reflexe werden nach wie vor sowohl von Männern als auch von Frauen bedient. Laut Tannen konzentrieren sich Frauen auch heute noch auf sprachlichen Austausch und Beziehungen und Männer auf Terrain und Macht. Man könnte jetzt den kleinsten gemeinsamen Nenner beider Koordinatensysteme suchen. Man kann es aber auch lassen! Wer sich in „Männerdomänen“ einen Platz erobern wolle, müsse sich die vertikale Kommunikationsstrategie aneignen, so die Medizi- nerin.

Das Coaching, das sie gebe, sei ein bisschen wie psychologische Aufstellungsarbeit. Die Frauen bekommen einen Sparringspartner und stellen immer wieder eine bestimmte Situation in unterschiedlichen Rollen nach – mit verschiedenen Techniken, um Handlungsoptionen
auszuloten und so ihr Spektrum zum Agieren zu erweitern, quasi firm zu werden in der „fremden“ Sprache, sodass sie sie in Bälde wie ihre „Muttersprache“ beherrschen. Ihr Handlungsspielraum werde weiter, und wenn man dem Ausspruch des österreichischen Philosophen Ludwig Wittgenstein glauben darf, bedeuten die Grenzen deiner Sprache, die Grenzen deiner Welt!

Quellen:
¹Kinostart in Deutschland war am 22. Februar 2018
²www.fbw-filmbewertung.com/film/die_verlegerin

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