Der große Betrüger

Warum eine CMD-Erkrankung auch „the big imposter“ genannt wird, erklärt Zahnarzt Dr. Volker M. Panitz aus Bad Kissingen

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Eine langjährige „Karriere“ als nicht erkannter CMD- Patient habe schon so manche Psyche belastet. Der Psychotherapeut stehe dann oft am Ende einer längeren Überweisungskette. Die CMD-Therapie ist immer eine multidisziplinäre Aufgabe – vom Zahnarzt über den Kieferorthopäden und Physiotherapeuten bis hin zum Orthopäden oder Psychologen, sagt CMD-Spezialist Dr. Panitz. Foto: ©Romana Kochanowski

„CMD-Erkrankungen sind Funktionsstörungen des Kauorgans“, betont Zahnarzt Dr. Volker M. Panitz, der sich auf die Behandlung Cranio-Mandibulärer-Dysfunktionen spezialisiert hat. Diese Fehlstellung der Kiefer löse häufig Schmerzen im Kopfbereich, aber auch im Hals- oder Schulterbereich aus. Auf diese Dysfunktion hindeuten könnten auch chronische Schmerzen (wechselnd stechend, dumpf oder einschießend) im Ober- oder Unterkiefer, im Ohr, in den Zähnen, in der Zunge, in der Augenhöhle, in der Schläfen- oder der Stirnregion.

„Die Abgrenzung zu anderen Kopf- und Gesichtsschmerzen wie Spannungskopfschmerz, Clusterkopfschmerz oder Migräne ist oft schwierig“, berichtet Dr. Panitz, der Praxen in Bad Kissingen und in Zeil am Main führt. Die häufigste Fehldiagnose bei CMD-Erkrankungen laute immer noch „Trigeminus-Neuralgie“. Darüber hinaus komme es begleitend bei CMD zu Ermüdung und Verhärtung der Muskulatur bei intensivem Kauen und zu einer Einschränkung der Unterkieferbeweglichkeit mit teils schmerzhaften Knack- oder Reibegeräuschen bei der Kieferbewegung.

Häufig würden auch Symptome auftreten, so Panitz, die man nicht unweigerlich mit den Zähnen in Zusammenhang brächte, etwa ein Gefühl, als ob Watte oder Wasser in den Ohren sei oder ein beginnender Tinnitus.

Ebenso könnten sich Rücken- oder Hüftschmerzen daraus ableiten. Wegen dieser komplexen Symptomatik wird CMD in den USA auch „the big imposter“, also „der große Betrüger“ genannt.

Etwa drei Millionen CMD-Patienten

„Schätzungsweise 30 Prozent der Deutschen haben eine CMD-Erkrankung“, weiß Dr. Panitz. Etwa jeder Zehnte davon sei therapiebedürftig, in Deutschland also etwa drei Millionen Menschen. Frauen seien etwa dreimal so häufig betroffen wie Männer. Und durch zunehmenden Stress, der heutzutage schon in der Schule beginnt, nähme die Anzahl der CMD-Patienten stetig zu. Wie kann eine CMD aber nun erkannt werden?

„Viele Symptome, die auf eine CMD-Erkrankung hinweisen, finden wir auch in anderen Krankheitsbildern“, antwortet der Spezialist. Verdächtig seien Schmerzen, die regelmäßig oder gar chronisch im Kiefer- und Gesichtsbereich oder im Kopfbereich aufträten. Insbesondere Kopfschmerzen, die man bereits nachts oder morgens beim Aufstehen spüre, würden auf eine nächtliche Knirsch-Aktivität hinweisen. Zähneknirschen, auch Bruxismus genannt, ist ein starker Hinweis auf das Vorliegen einer CMD-Erkrankung.

„Die Kräfte, mit denen geknirscht wird, machen im Laufe der Zeit nicht nur die Zähne kaputt, sondern auch Kopfschmerzen, und verursachen auf Dauer an den Kiefergelenken eine schmerzhafte Arthrose“, so der Experte.

Wer behandelt eine CMD?

Die Behandlung der CMD sei eine multidisziplinäre Aufgabe, konstatiert Dr. Panitz. Therapiehilfen sind in erster Linie Aufbiss-Schienen. Weitere Mittel der Wahl könnten Zahnspangen oder Zahnersatzmaßnahmen sein, also neue Zahnkronen, Brücken oder Zahnprothesen, die in der neuen therapeutischen Biss-Situation hergestellt werden.

„Zum Team der Behandler gehören häufig auch Physiotherapeuten, die mithilfe manueller Therapien die Stellung des Kiefers verbessern und die Fehlhaltungen ausgleichen“, erläutert Dr. Panitz die Situation.

Oftmals müssten auch Orthopäden in das Behandlungskonzept mit einbezogen werden, weil Haltungsprobleme bestehen, die beispielsweise durch Ganganalysen, Rückendiagnostik oder Einsatz orthopädischer Einlagen diagnostiziert und im Rahmen einer gemeinsamen Therapie behandelt werden müssen. Weitere Behandler anderer Fachdisziplinen können HNO-Ärzte, Logopäden, Schmerztherapeuten und oft auch Psychotherapeuten sein.

Was ist eine CMD?
CMD ist die Abkürzung für Cranio-Mandibuläre Dysfunktion. Cranium ist der Schädel, Mandibula ist der Unterkiefer. Und wenn dieses Zusammenspiel zwischen Schädel, also Oberkiefer, und Unterkiefer nicht richtig funktioniert, dann kann eine cranio-mandibuläre Dysfunktion mit vielfältigen Symptomen entstehen. Das Zusammenspiel zwischen Ober- und Unterkiefer entsteht vor allem durch den Biss. Darum seien Zahnärzte auch die Hauptbehandler bei einer CMD, sagt Dr. Panitz. „Die CMD ist wie ein Chamäleon. Die Symptome sind vielfältig und zahlreich und haben oft scheinbar gar nichts mit dem Biss zu tun. Dadurch ist die CMD-Erkrankung komplex, schwer zu diagnostizieren und aufwendig zu behandeln!“

www.panitz-zahnarzt.de

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