Den Kopf ausschalten

Musiktherapeutin Carina Petrowitz über Ausdrucksformen, die der Seele guttun

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Das Erlernen einer bestimmten Technik steht bei der Kunsttherapie nicht im Fokus, sondern die Wahrnehmung des momentanen Erlebens und das Experimentieren. Foto: © Rudi Merkl

„Wir brauchen andere als Spiegel, damit uns nicht der Wahn ereilt“, hat der englische Dramatiker William Shakespeare einst geschrieben. Im Würzburger Frauenland findet sich seit August 2017 ein Ort, an dem genau das praktiziert wird. Unter der Trägerschaft des Bezirks Unterfranken liegt hier das Zentrum für Seelische Gesundheit (ZSG) am König-Ludwig-Haus, eine Fachklinik für die Diagnostik und Behandlung psychischer Erkrankungen. Patienten profitieren hier, je nach Krankheitsbild und Ausprägung der Krankheitssymptomatik, von verschiedenen therapeutischen Angeboten – unter anderem der Kunst- und Gestaltungstherapie sowie der Musiktherapie.

Erstere sind eigenständige kreativpsychotherapeutische Verfahren. So erlaubt die Kunsttherapie ohne Vorkenntnisse den Prozess des Gestaltens und des freien künstlerisches Ausdrucks zu erleben. „Über das künstlerische Gestalten können Gefühle wie Angst, Niedergeschlagenheit, aber auch Hoffnung und Freude ohne Worte ihren Ausdruck finden. Sich über Malen auszudrücken kann helfen, die eigenen Kräfte wieder zu entdecken und das Selbstbewusstsein zu stärken“, erklärt Professor Dr. Dominikus Bönsch, ärztlicher Direktor des Hauses.

Auch in der Gestaltungs- therapie soll mit Hilfe künstlerischer Mittel versucht werden, inneres Gefühlserleben zum Ausdruck zu bringen. „Eigene Gefühle und Blockaden können aufgespürt werden. Dadurch entsteht die Möglichkeit, sich selbst Ausdruck zu verleihen, sich Raum zu geben, Ressourcen zu entdecken, neue Perspektiven zu gestalten und kreative Lösungen zu erfahren“, so Bönsch weiter.

Sehr hoch sei die „Nachfrage“ nach Musiktherapie, sagt die am ZSG tätige Musiktherapeutin (M.A.), Carina Petrowitz. Die Angebote reichen „von der Möglichkeit, rezeptiv zu arbeiten, also Musik zu hören und zu erleben, über Trommelgruppen bis hin zur Klangliege“. Für die Patienten biete sich hier die Möglichkeit „den Kopf auszuschalten, zu spüren, zu erleben, körperlich zu werden“. Meist sei die aktive Musiktherapie für die Teilnehmer eine ganz neue Weise, sich auszudrücken, an die sie sich erst gewöhnen müssten.

Doch die Vorteile liegen für die Expertin auf der Hand: „Die Musik ist unmittelbar und unbewusst, vielleicht ungefilterter als gesprochene Worte und bietet die Möglichkeit, sich nicht nur nonverbal, sondern auch instinktiv auszudrücken.“ Darüber hinaus könnten aber auch bewusst bestimmte Situationen nachgestellt und diese hörbar gemacht werden. Es bestehe somit die Chance, diese auf anderer Ebene zu erleben. „Manchmal stellt man dabei fest, dass es gar nicht nach dem klingt, was man zuerst dachte.

Trauer etwa klingt plötzlich nach Wut. Durch die Musik als Medium bietet sich fast immer ein Anknüpfungspunkt bei unterschiedlichen seelischen Krankheiten“, so Petrowitz‘ Erfahrung. Das erkennt
langsam auch die Wissenschaft an. „Mittlerweile gibt es eine Anzahl von Studien*, die die Wirksamkeit von Musiktherapie bei unterschiedlichen seelischen Erkrankungen belegen“.

Das Angebot der Therapien richtet sich an alle stationären und teilstationären Patienten. In einzelnen Fällen kann die Therapie auch über den Aufenthalt im Haus ambulant weitergeführt oder auch nur ambulant angefordert werden.

Quellen: *http://www.musikthera- pie.de/musiktherapie/forschung-und-evaluation.html

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