Aufbäumen für den Klimaschutz

Im Gespräch mit Stephen Wehner vom Bergwaldprojekt e.V. über fehlende Solidarität in unserer Gesellschaft

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Nicht nur der Klimawandel und die Luftschadstoffe, auch die Tatsache, dass 60 Prozent der deutschen Wälder Monokulturen sind, rufe das Bergwaldprojekt auf den Plan. Foto: Bergwaldprojekt e.V.

„Wenn die Emissionen gestoppt werden müssen, dann müssen wir die Emissionen stoppen“, sagt die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg. Da gebe es für die junge Schwedin mit Asperger-Syndrom (Variante des Autismus) nur Schwarz und Weiß. Ihr Engagement zieht solche Kreise, dass Jugendliche überall in Europa Schule schwänzen und für den Klimaschutz auf die Straße gehen. Stephen Wehner, Geschäftsführer des Vereins Bergwaldprojekt findet das gut.

Seit 30 Jahren engagiert sich Bergwaldprojekt e.V. mit Sitz in Würzburg neben Deutschland auch in der Schweiz, Österreich, Lichtenstein und in der Ukraine für den Schutz, die Erhaltung, die Pflege des Waldes, insbesondere des Bergwaldes und der dazugehörigen Kulturlandschaften.

„Rund 2.500 Menschen arbeiten jedes Jahr ehrenamtlich in den Bergwaldprojekten mit, um aufzubäumen, sprich Bäume zu pflanzen“, erzählt Wehner. Darüber hinaus würden Pflegemaßnahmen oder Erosionsverbauungen durchgeführt, oder auch Biotoppflege, Moor- und Bachrenaturierungen in Angriff genommen. Das Bergwaldprojekt ist europaweit die größte Volunteer-Organisation. Und sei inzwischen, wie Stephen Wehner sagt, in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Neben den schon immer ökologisch Engagierten fänden sich neben Senioren und junge Familien, aber immer öfter auch Richter, Büroangestellte, Anwälte, oder Ärzte, die sich in ihrer knapp bemessenen Freizeit für die Natur einsetzen möchten. Es sei schon eine Herausforderung für viele, da sie mit diesem Engagement ihre Komfortzone verlassen: Sich mit fremden Menschen eine Woche lang eine Dusche und Toilette teilen, in einem Zimmer übernachten und nach einem langen, körperlich anstrengenden Tag draußen bei Wind und Wetter, ein einfaches vegetarisches Essen einnehmen, so der Geschäftsführer des Vereins Bergwaldprojekt, der immer noch regelmäßig Waldprojekte persönlich betreut.

„Es ist eine besondere Erfahrung für die Menschen, die mitmachen – in jeder Hinsicht. Am ersten Tag sind sie euphorisch, weil sie der Natur etwas zurückgeben wollen. Am Dienstag fängt das Zweifeln an, was mache ich hier, ich bin fix und fertig, das halte ich keine Woche durch. Am Donnerstag haben sich die meisten von dem Schock erholt und eine anders geartete Euphorie macht sich breit – weniger eine romantisch-verklärte wie am ersten Tag, eher eine tiefe, echte, die etwas mit wiedergefundenem Solidaritätsgefühl, Sinnhaftigkeit im Tun und Selbstwirksamkeit zu tun hat“, berichtet Wehner von seinen Beobachtungen der Teilnehmer.

Mitmachen könne fast jeder, wobei Senioren sich nicht unbedingt das Hochgebirgsprojekt aussuchen sollten, bei dem der Helikopter auf 1.000 Meter Höhe Material einfliegt, sondern eher das Wald-Umbauprojekt auf Amrum, betont Stephen Wehner.

Dass immer mehr Menschen sich ehrenamtlich in Projekten wie dem Bergwaldprojekt oder auch anderen engagieren, führt der Aktivist vornehmlich auf fehlende Solidarität als Grundproblem unsere Gesellschaft zurück, und zwar sowohl fehlende intraspezifische (anderen Menschen gegenüber) als auch fehlende interspezifische (Tieren und Pflanzen gegenüber).

„Unsere Erde könnte alle Menschen ernähren, alle könnten das haben, was sie brauchen“, konstatiert Wehner und fragt: „Warum existieren so viele Probleme, Auseinandersetzungen, Streit um Ressourcen und Macht?“ Das Waldsterben in den 1980er-Jahren war die erste große Mahnung der Natur. Dass über 70 Prozent der Insekten im letzten Jahr verschwunden sind, die zweite. Jetzt muss etwas geschehen, bevor es zu spät ist!

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