
Dr. Hartmut Roth ©privat
Der Brief liegt noch auf seinem Schreibtisch… Geschrieben hat ihm eine Patientin, die Dr. Hartmut Roth, Chefarzt der Abteilung Minimalinvasive Chirurgie am Fachklinikum Mainschleife in Volkach, kürzlich wegen ihrer Beckenbodenbeschwerden operiert hatte. Zum ersten Mal seit langer Zeit besuchte sie wieder die Frankfurter Oper. Die viereinhalbstündige Vorstellung konnte sie vollständig verfolgen. Und das, ohne zur Toilette zu müssen. „Das hat sie so genossen“, erzählt der Arzt mit einem Lächeln auf den Lippen. Für ihn, selbst Opernfan, steht fest: „Das ist Freiheit!“ Menschen mit Inkontinenz planen Einkäufe, Ausflüge und Treffen oft nach der nächsten Toilette. Manche verzichten auf Sport oder Veranstaltungen. Selbst Besuch empfangen scheint manchen Betroffenen undenkbar. Doch nicht selten schweigen sie … Urinverlust beim Husten, Lachen oder Sport sollten ebenso wie kaum kontrollierbarer Stuhldrang, unbedingt abgeklärt werden. Der Mediziner empfiehlt hierfür Beckenboden-Sprechstunden. Bei Frauen können Blase, Gebärmutter, Mastdarm und Schließmuskel betroffen sein. „Wichtig ist, dass man die Dinge gemeinsam löst“, betont er. Häufige Ursachen sind Schwangerschaften und Geburten und die damit verbundene unzureichende Rückbildung, schwaches Bindegewebe oder Übergewicht. Bei Männern, die insgesamt deutlich seltener von Beckenboden-Problematiken betroffen sind, sieht Dr. Roth in seinem Fachgebiet vor allem Bindegewebsschwächen, die zu einem Mastdarmvorfall führen können. „Das kann dann zu einer Inkontinenz, zu starken Schmerzen und zu Blutungen führen.“ Beckenbodentraining ist ein wichtiger erster Schritt. Die Übungen sollten zunächst unter fachkundiger physiotherapeutischer Anleitung erlernt werden. Doch Dr. Roth dämpft überzogene Erwartungen: „Wir können mit der Beckenbodengymnastik die Muskulatur, aber nur bedingt das Bindegewebe stärken.“ Bei Senkungen kann auch ein sogenanntes Pessar, ein medizinisches Hilfsmittel aus Silikon oder Gummi, das in die Vagina eingeführt wird, stützen. Ob sie im Alltag geeignet sind, müsse aber individuell entschieden werden, so der Arzt. Reichen konservative Maßnahmen nicht aus, sollte weitergedacht werden. „Die Operation ist immer die Ultima ratio“, stellt Dr. Roth klar. Erst wenn Medikamente und physikalische Maßnahmen keine ausreichende Besserung bringen, werde ein Eingriff ins Auge gefasst. Das Verfahren richte sich nach Befund, Beschwerden, Operationsrisiko und persönlichen Zielen. Möglich seien stabilisierende Eingriffe an Vagina, Gebärmutter oder Mastdarm. Bei Eingriffen mit Netzen müsse unterschieden werden: „Netze sind nicht gleich Netze!“ Der Chirurg verwendet nach eigener Aussage überwiegend biologische Netze, da bei ihnen weit weniger Entzündungen, Vernarbungen oder Gewebeverwachsungen auftreten als bei den früher üblichen Kunststofffabrikaten. Zudem finde eine körperliche Integration statt. Will heißen, das Material baut sich mit der Zeit ab und der Körper bildet wieder stabiles, eigenes Bindegewebe. Entscheidend sei für Dr. Roth nicht allein der medizinische Befund. „Es geht darum, Lebensqualität zu gewinnen.“ Wieder reisen, tanzen, einkaufen oder eben auch eine Oper besuchen zu können, ohne ständig die nächste Toilette im Blick zu haben: „Darin liegt die zurückgewonnene Freiheit.“