Suchtkranke leiden unter Corona-Einschränkungen

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Thomas Bausch, Chefarzt der Hephata-Fachklinik Weibersbrunn sagt: „Wir haben deutschlandweit einen Therapiestau.“ Foto: Hephata Hessisches Diakoniezentrum e.V.

Die Folgen der Corona-Pandemie treffen Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen schwer. Entgiftungsstationen nahmen in den vergangenen Wochen nur noch Patienten in akut lebensbedrohlichen Notfällen auf, Reha-Kliniken bekamen die Empfehlung, Behandlungen abzubrechen und keine neuen aufzunehmen. Ein Blick in die Hephata-Fachklinik Weibersbrunn.

„Ich hätte wirklich Hilfe gebraucht und habe keine bekommen“, sagt Hannah Meyer*. Die Fachklinik Weibersbrunn, eine Rehabilitationsklinik für Menschen mit chronischen Abhängigkeitserkrankungen, unterstützte die 40-Jährige bei der Suche nach einem Entgiftungsplatz und nahm sie danach auf.

„Seit dieser Woche fahren die Entgiftungsstationen in den Krankenhäusern wieder ihre Kapazitäten hoch, immer noch auf einem sehr niedrigen Niveau. In den beiden für uns am wichtigsten Krankenhäusern in der Umgebung gab es nur noch sehr wenige Aufnahmen in den Entgiftungsstationen“, sagt Thomas Bausch, Klinikleiter und Chefarzt der Fachklinik Weibersbrunn. „Das war ein großes Problem für die Patienten. Nur, wenn Selbstmordgedanken bestanden und die Patienten diese auch äußerten, sind sie als Notfälle eingestuft worden. Dies offen zu sagen, fällt gerade Suchtkranken oft schwer.“

In der Altersstufe der 20 bis 30 Jahre alten Männer in Deutschland sei der Suizid eine der drei häufigsten Todesursachen, rund 20 Prozent der Patienten der Fachklinik gehörten in diese Altersklasse. „Suchtkranke sind oftmals lebensbedroht, weil die Suchtmittel Hemmschwellen senken, für Gewalt gegen sich selbst und andere. In Zeiten von Corona aber auch, weil Menschen, die Suchtmittel konsumieren, nicht immer besondere Hygiene- und Abstandsregeln umsetzen können. Um Betten für Coronapatienten freizuhalten, wurden die Entgiftungsstationen verkleinert oder geschlossen und Reha-Kliniken aufgefordert, Behandlungen einzustellen. Die ersten Betten, die in der Psychiatrie geschlossen wurden, waren die für Suchtpatienten. Das empfinde ich als medizinisch und menschlich nicht richtig. Auch hier können Infektionsketten unterbrochen werden, indem man diese Risikopatienten weiter behandelt“, so Bausch. Erschwerend sei gewesen, dass seit Ende April keine Selbsthilfegruppen mehr stattgefunden hätten und auch viele Beratungsstellen nicht persönlich erreichbar gewesen seien.

Die Fachklinik habe sich deswegen entschlossen, weiter zu behandeln und auch weiter Patienten aufzunehmen. „Die Not war groß, uns haben Menschen angerufen, die in anderen Kliniken nicht angenommen wurden oder die Therapie abbrechen mussten.“ Bausch schätzt, dass seit der 13. Kalenderwoche 15 Patienten weniger als geplant in der Fachklinik Weibersbrunn aufgenommen worden sind, eben weil die zuvor notwendige Entgiftung nicht stattfinden konnte. Die Fachklinik hat immer eine Warteliste, momentan ist diese noch länger. „Wir haben deutschlandweit einen Therapiestau, in Weibersbrunn viele zusätzliche Patientenanfragen. Außerdem sind die Aufnahmen wegen der besonderen Hygiene- und Abstandsregelungen aufwendiger geworden.“

Hannah Meyer sollte eigentlich am 30. März in die Fachklinik aufgenommen werden. Sie ist alkoholabhängig und hatte sich selbst um eine Entgiftung und einen anschließenden Therapieplatz in Weibersbrunn gekümmert – das können längst nicht alle Betroffenen. „Ich sollte am 16. März in die Entgiftung ins Krankenhaus gehen, den Termin hatte ich im Februar festgemacht. Dann bekam ich aufgrund von Corona die Absage. Keiner konnte mir sagen, wie lange ich warten muss, das war fürchterlich.“

Die Situation zu Hause verschlimmerte sich in den folgenden Wochen. Ihr damaliger Lebensgefährte wurde gewalttätig, die 40-Jährige trank immer mehr, die beiden Kinder kamen in eine Pflegefamilie. „Es machte alles keinen Sinn mehr. Ich habe jeden Tag im Krankenhaus angerufen und gefragt, wann ich kommen kann. Irgendwann bin ich zusammengebrochen und habe den Notarzt gerufen. Dann bin ich als Notfall eingewiesen worden und konnte die Entgiftung machen. Das hat mir das Leben gerettet“, sagt Hannah Meyer.

Seit dem 28. April ist sie nun in der Fachklinik Weibesrbrunn. „Mir ist alles entglitten. Das war eine furchtbare Zeit. Langsam geht es mir besser, Schritt für Schritt.“

* Name von der Redaktion geändert

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