Seele außer Takt

Dr. Notker Zorn, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, über bipolare Störung und Schizophrenie

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© F. Jacob

Manchmal gerät das Leben aus dem Gleichgewicht. Die Stimmung kippt, der Schlaf verändert sich, der Antrieb läuft davon oder kommt zum Erliegen. Bei psychischen Erkrankungen wie bipolarer Störung oder Schizophrenie ist genaues Hinsehen essenziell. Medizinisch gesehen, so erklärt Dr. Notker Zorn, Oberarzt im Krankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin Schloss Werneck, gebe es klare Unterschiede: „Die bipolare Störung gehört zu den sogenannten affektiven Erkrankungen, die Schizophrenie hingegen zu den Psychosen.“ Bei bipolaren Störungen stünden Veränderungen von Stimmung und Antrieb im Vordergrund. Man unterscheide depressive Phasen, „in denen die Betroffenen sich traurig und antriebslos fühlen“ von manischen Phasen, „in denen die Patienten viel Antrieb, viele Ideen haben, in denen die Stimmung gereizt oder übermäßig fröhlich ist“. Bei einer bipolaren Störung treten beide Phasen im Wechsel auf. Bei Schizophrenien stünden laut Dr. Zorn dagegen „psychotische Symptome wie akustische Sinnestäuschungen, Fremdbeeinflussungserleben, Veränderungen des Denkens und der Konzentration sowie Wahnerleben“ im Vordergrund. Zugleich gebe es Überschneidungen: „Sämtliche der genannten Symptome können bei beiden Erkrankungen auftreten.“ Aber: Nicht jede Schwankung der Stimmung sei krankhaft. Entscheidend seien Dauer und Schwere. „Eine depressive Episode dauert mindestens zwei Wochen an und ist gekennzeichnet durch anhaltende Traurigkeit, Grübeln und Antriebslosigkeit.“ Eine manische Phase dauere mindestens eine Woche und sei gekennzeichnet durch ein vermindertes Schlafbedürfnis, gesteigerten Antrieb, euphorische bis gereizte Stimmung, Tatendrang und unter Umständen auch riskantes Verhalten. Auch über Schizophrenie kursieren viele Missverständnisse. Der Begriff stamme aus dem Griechischen und bedeute, frei übersetzt, „gespaltene Seele“, so Dr. Zorn. Doch er stellt heraus: „Dieser Begriff ist irreführend, mit verschiedenen Persönlichkeiten hat Schizophrenie nichts zu tun.“ Vielmehr sehe man bei Schizophrenie „eine Veränderung des Erlebens, Fühlens und Verhaltens“. Dazu zählen etwa Verfolgungswahn, beschleunigtes oder unzusammenhängendes Denken sowie Sinnestäuschungen. Betroffene berichteten etwa, „Stimmen von nicht anwesenden Menschen zu hören oder Dinge zu sehen, die gar nicht vorhanden sind“. Häufig zeigten sich zuerst Veränderungen von Stimmung, Antrieb und Schlaf. Auch gesteigertes Kontaktbedürfnis oder sozialer Rückzug können frühe Hinweise sein. Für Angehörige sei das eine schwierige Situation. Zeichne sich eine manische Episode ab, steigt der Antrieb, sinkt das Schlafbedürfnis, ist die Stimmung gereizt und droht sich der oder die Betroffene in Gefahr zu bringen, sei laut dem Mediziner meist eine Einweisung in die Klinik notwendig. Bei milderen Verläufen solle „unverzüglich ein Facharzt für Psychiatrie aufgesucht werden“. Wichtig zu wissen: Stress, Substanzkonsum und akute Belastungen können den Verlauf beeinflussen. Auch Wohnortwechsel, Belastungen am Arbeitsplatz, der Verlust einer nahestehenden Person oder körperliche Krankheiten können ihm zufolge dazu beitragen, dass eine bis dahin stabile Patientin oder ein stabiler Patient krank wird. Behandlung bedeute heute mehr als nur Medikamente. Es seien Maßnahmen wichtig, „die im Grunde für jeden Menschen hilfreich sind: ein geregelter Tag-Nacht-Rhythmus, ausreichende Erholungsphasen, soziale Bezüge, sinnvolle Beschäftigung, maßvoller Gebrauch von Genussmitteln.“

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