
©Daniel Peter
Manchmal reicht ein Satz, ein Blick, eine Zurückweisung. Schon ist er da, der Ärger. Der Körper spannt sich an, das Herz schlägt schneller, die Gedanken werden enger. Im Online-Vortrag „Ärger und Wut: Wo kommen diese Gefühle her und wie gehe ich damit um?“ der Universität Würzburg ging es genau um diesen Moment, in dem so ein Gefühl übernimmt. Die Zoom-Veranstaltung bildete den Auftakt der neuen Reihe „Mentale Gesundheit im Trialog“. Die Reihe richtet sich an Betroffene, Angehörige, Fachpersonen und Interessierte. Für den Start konnten die Veranstaltenden – die Universitätsambulanz und die Forschungseinheit Psychotherapie der Universität Würzburg – zwei ausgewiesene Expertinnen gewinnen: Professor Katja Bertsch und Postdoktorandin Dr. Linda Wilkin-Krug. Beide beschäftigen sich mit psychologischen und neurobiologischen Grundlagen von Aggression und stellen heraus: Ärger entsteht selten aus einem einzigen Grund. Zu den typischen Auslösern zählen Provokation, Frustration, Bedrohung, Zurückweisung, Ablehnung und Ungerechtigkeit. Wie stark ein Mensch reagiert, hängt von der eigenen Geschichte ab. Erfahrungen, Sensibilitäten, wiederkehrende Muster und persönliche Interpretationen spielen eine Rolle. Auch ganz Alltägliches kann die Reizbarkeit erhöhen, etwa Hunger, Durst, Hitze, Stress, Schlafmangel oder der Zyklus. Deutlich wurde auch, dass Ärger den ganzen Menschen erfasst. Er verändert Atmung, Herzschlag, Durchblutung, Muskelspannung und Körperhaltung. Die Wahrnehmung kann enger werden, der berühmte „Tunnelblick“ entsteht. Auch das Denken verändere sich. Frühere Kränkungen oder Frustrationen drängten sich auf, aus einer konkreten Situation werden schnell Gedanken wie „immer“ oder „nie“. Problematisch würden Emotionen nach Ansicht der Expertinnen dann, wenn sie nicht gerechtfertigt sind, wenn sie zwar gerechtfertigt, aber zu intensiv ausfallen, oder wenn notwendige Konsequenzen vermieden werden. Der Umgang mit Ärger sollte deshalb mit einer Prüfung beginnen. Ist die Reaktion angemessen? Trifft sie die richtige Person? Besteht eine Gefährdung? Je nach Antwort geht es darum, bewusst zu handeln, Abstand zu nehmen, die Perspektive zu wechseln, neu zu bewerten oder die Emotion abzuschwächen. In neuen Therapieansätzen wird etwa untersucht wie Menschen soziale Sicherheitssignale besser wahrnehmen, Bedrohungsreize genauer einordnen und impulsive Annäherung an bedrohlich erlebte Situationen reduzieren können. Dazu gehören Psychoedukation, Achtsamkeit, das Wahrnehmen von Auslösern, das Unterscheiden von Vergangenheit und Gegenwart sowie Übungen zum entgegengesetzten Handeln. Die beiden Wissenschaftlerinnen machen damit Mut zu einem nüchternen Blick auf ein oft unangenehmes Gefühl. Ärger und Wut seien nicht einfach schlecht – und schon gar kein Makel. Sie können Hinweise geben, Grenzen sichtbar machen und Handeln auslösen. Entscheidend sei, sie zu verstehen, bevor sie die Führung übernehmen. Gut zu wissen: Die Veranstaltungsreihe wird fortgesetzt. Am 21. Oktober folgt das Thema „Sozialer Medienkonsum: Wann wird’s zum Problem und was mache ich dann?“