Kritik gehört zur Kontrolle von Macht … eigentlich. Doch wer die Nachrichten verfolgt, erlebt oft ein anderes Bild: Führungspersonen werden hinterfragt und antworten nicht mit Einordnung, sondern mit Angriff. Was passiert da psychologisch? Professor Johannes Hewig, Leiter des Lehrstuhls für Differentielle Psychologie, Persönlichkeitspsychologie und Psychologische Diagnostik an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, beschäftigt sich in seinem aktuellen Buch „Macht, Persönlichkeit, Gesellschaft“ damit, wie Macht Wahrnehmung, Verhalten und Beziehungen verändern kann. Ein wichtiger Punkt, sagt Dr. Hewig im Gespräch mit Lebenslinie, seien Erwartungen. „Menschen in Machtpositionen erleben häufig, dass ihnen selten widersprochen wird.“ Wer Macht hat, sei es gewohnt, Ziele durchzusetzen. Trifft eine solche Person auf Widerstand, bleibe sie in ihrem gewohnten Modus: vorwärts, drauflos oder wütend. Kritik löse hier Angriff aus. Nicht jede Person strebe auf dieselbe Weise nach Macht. Doch Hewig verweist auf Persönlichkeitseigenschaften, die in der Forschung unter Begriffen wie „dunkle Triade“ oder „Dark Factor“ beschrieben werden: Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie. Gemeint seien etwa Grandiosität, Manipulationsfähigkeit, Dominanzstreben, mangelnde Empathie und die Bereitschaft, anderen zu schaden. „Solche Eigenschaften“, so der Professor, „sind in Führungspositionen häufig vertreten.“ Warum aber gehen manche Mächtige nicht in die Selbstkorrektur? Weil es ihrer Persönlichkeit oft nicht naheliege, selbstkritisch und zweifelnd mit dem eigenen Handeln umzugehen. Auch Kränkung spiele eine Rolle, allerdings unterschiedlich. „Beim vulnerablen Narzissmus kann Kritik tatsächlich treffen, weil hinter der Fassade ein bedrohtes Selbstbild steht.“ Beim grandiosen Narzissmus werde Kritik eher als feindseliger Akt erlebt, auf den aggressiv reagiert wird. Politische Macht und Macht in Unternehmen unterscheiden sich nach Hewig je nach Definition. Im engeren demokratischen Sinn beruhe politische Macht auf Mehrheiten. Doch auch Mehrheiten stünden auf schwachen Füßen, wenn Entscheidungen nicht erklärt und die Betroffenen nicht mitgenommen werden. Wer Macht nur nutzt, um sich durchzusetzen, verbrauche sie. Wirksam begrenzen ließe sich Macht deshalb nur durch Gegenmacht. Gesellschaftlich bedeute dies Gewaltenteilung, künftig womöglich auch stärkere Trennung von medialer, wirtschaftlicher und politischer Macht. In Organisationen brauche es Transparenz, klare Regeln, öffentlich bekannte Verfahren und Anlaufstellen bei Machtmissbrauch. Auf persönlicher Ebene nennt Johannes Hewig einen Schutzfaktor, der fast schlicht klingt: Freundschaft. „Enge Bindungen, Vertrauen, Kooperation und gegenseitige Unterstützung können Menschen widerstandsfähiger machen gegenüber Machtmissbrauch und Einschüchterung.“ Der Mensch, so Dr. Hewig, sei eigentlich ein kooperatives Wesen. Und die Mächtigen selbst? Sind sie denn veränderbar? Der Experte warnt vor Pessimismus. Menschen könnten sich lebenslang verändern. Verantwortungsbewusstsein könne davor schützen, den dunkleren Seiten der Macht zu verfallen. Einfach sei dieser Weg nicht, besonders dann nicht, wenn mangelndes Mitgefühl tief verankert ist. Und wie steht es um diesen gesellschaftlichen Mythos: Sind rücksichtslose, narzisstische, machtorientierte Menschen vielleicht die besseren Führungskräfte? Die Antwort des Wissenschaftlers fällt klar aus. „Die Studien, die ich kenne, sprechen dagegen.“ Macht ist also nicht gleichzusetzen mit guter Führung. Manchmal kommt sie nur als lautere Form von Schwäche daher.
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