Ich bin dann mal so frei …

Lebenslinie im Gespräch mit Unternehmerin Sabine Unckell über ihre ganz persönliche Freiheit

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©privat

Lebenslinie (LL): Was bedeutet Freiheit für Dich?

Sabine Unckell (SU): „Für mich bedeutet Freiheit in erster Linie, in einem demokratischen Land zu leben. Dass ich meine Meinung frei äußern kann und unterschiedliche Meinungen ihren Platz haben, ist für mich etwas sehr Wertvolles. Genauso wichtig ist für mich aber auch die Freiheit, selbstständig zu sein. Ich liebe es, meine eigenen Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und meine Ideen umzusetzen. Genau das macht mir bis heute Freude und gibt mir das Gefühl, mein Leben selbst gestalten zu können.“

LL: Wo lebst du Freiheit bewusst?

SU: „Am intensivsten erlebe ich Freiheit im Urlaub – vor allem in der Natur und an Orten, die noch nicht vom Massentourismus geprägt sind. Wenn ich morgens aus einer Jurte trete und die Stille, die frische Luft und die Weite der Landschaft wahrnehme, spüre ich eine besondere Form von Freiheit. Ich brauche nicht viel, um glücklich zu sein, und kann den Alltag vollständig hinter mir lassen. Diese Verbindung zur Natur und das Gefühl, ganz im Augenblick zu sein, geben mir das Gefühl, wirklich frei zu sein.“

LL: „Frei zu sein bedarf es wenig, stößt in der Umsetzung aber manchmal an seine Grenzen: Wie schwierig ist es für dich, Freiheit zu realisieren?“

SU: „Im Laufe der Jahre sind die Anforderungen immer größer geworden. Es gibt immer mehr Bürokratie, mehr Auflagen, mehr Kontrolle und auch mehr Erwartungen, sowohl von meinen Gästen als auch von meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Aufgaben haben sich in den letzten Jahren vervielfältigt. Da bleibt als Hotelierin im Alltag oft wenig Zeit, Freiheit zu leben. Umso wichtiger ist es für mich, mir diese Freiräume bewusst zu schaffen. Das gelingt nicht immer, aber genau deshalb weiß ich sie heute mehr zu schätzen als früher.“

LL: Freiheit in der Selbstständigkeit – war das ein Kriterium für dich, dich selbstständig zu machen?

SU: „Ja, das war auf jeden Fall ein Kriterium. Mir war es wichtig, Zeit für meine Kinder zu haben. Am Anfang meiner Selbstständigkeit hatte ich nur mein Hotel in Nürnberg, ein hervorragendes Team und keine Gastronomie. Das hat mir die Freiheit gegeben, für meine Kinder da zu sein und meine Zeit so einzuteilen, dass ich beides gut miteinander vereinbaren konnte. Wäre ich angestellt geblieben, hätte ich das nicht realisieren können. Im Hotelfach ist man in Führungspositionen praktisch rund um die Uhr gefragt. Als Direktorin eines Fünf-Sterne-Hotels in Düsseldorf war ich eigentlich nur zum Schlafen zu Hause. Deshalb war die Selbstständigkeit für mich nicht nur ein beruflicher Schritt, sondern auch eine bewusste Entscheidung für mehr Selbstbestimmung und mehr Zeit mit meiner Familie.“

LL: Freiheit in der Konzeption deines Hotels – jedes Zimmer hat ein anderes Motto und ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet. Wie lebst du hier die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie dein Hotel aussehen soll?

SU: „Das ist eine der schönsten Aufgaben, die ich habe. Hier kann ich meiner Fantasie und meinen Ideen freien Lauf lassen und gestalten. Jedes neue Zimmer erzählt υ
υ seine eigene Geschichte und bekommt seinen ganz eigenen Charakter. In diesem Jahr habe ich zwei Zimmer neugestaltet. Eines zu Ehren von Wolfgang Lenz – ich bin seiner Familie sehr dankbar, dass ich das verwirklichen durfte. Das andere ist den Protagonisten des Mozartfestes, den Artistes Étoiles, gewidmet. Viele von ihnen durfte ich schon in meinem Haus beherbergen. Meine größte Suite habe ich nach Alfred Brendel benannt – das hat er mir nach einem gemeinsamen Frühstück persönlich gestattet. Es gibt auch ein Intendantinnenzimmer, und vor unserem Frühstücksraum hängt eine große Fotogalerie mit vielen Persönlichkeiten, die wir im Laufe der Jahre bei uns begrüßen durften. Genau diese Freiheit, Ideen umzusetzen und unserem Hotel immer wieder eine persönliche Handschrift zu geben, macht mir große Freude.“

LL: Welche Urlaubsziele fühlen sich für dich nach Freiheit an?

SU: „Für mich sind das alle Reiseziele, an denen ich die Natur und die Menschen erleben kann, ohne Massentourismus. Ich gehe auch nur selten in Hotels, weil ich nicht an Frühstückszeiten oder andere Abläufe gebunden sein möchte. Im Winter waren wir in Grönland. Im Moment kann man dort noch erleben, wie es ist, bevor der große Tourismus kommt. Es hat etwas Erhabenes, die riesigen Eisberge an sich vorbeiziehen zu sehen. Die Menschen dort leben in einer ganz besonderen Gemeinschaft. Jeder kennt jeden, es gibt nur wenige Straßen, und die enden einfach irgendwann, weil die Orte gar nicht miteinander verbunden sind. Diese Klarheit, die Gemeinschaft und gleichzeitig auch die Einsamkeit zu spüren, hat mich tief beeindruckt. Abends trifft sich das ganze Dorf in einer kleinen Bar, und dort tanzt die Achtzigjährige mit dem Achtzehnjährigen. Das ist so selbstverständlich und ehrlich. Genau das ist für mich Freiheit.“

LL: Welche Freiheiten nimmst du dir im Alltag heraus?

SU: „Das sind gar keine großen Dinge. Ich komme meistens erst um neun statt schon um acht ins Hotel und nehme mir zwischendurch auch mal die Zeit, mittags in Ruhe essen zu gehen. Früher hätte ich mir das nicht erlaubt. Heute weiß ich, dass man nur gut arbeiten und für andere da sein kann, wenn man auch ein bisschen auf sich selbst achtet. Diese kleinen Freiräume sind für mich im Alltag schon ein Stück Freiheit.“

LL: Wie hat sich der Begriff Freiheit im Laufe der Jahre für dich verändert? Was ist Freiheit mit 20, 40 oder 60?

SU: „Mit 20 war ich noch gar nicht frei. Ich habe funktioniert, mich an Erwartungen orientiert und wenig auf meine eigenen Bedürfnisse geachtet. Mit 40 habe ich angefangen, mein Leben bewusster zu gestalten und mehr auf mich selbst zu achten. Ich habe gemerkt, dass Freiheit auch bedeutet, sich Zeit für Dinge zu nehmen, die einem wirklich wichtig sind. Mit 60 ärgere ich mich oft über die immer mehr werdenden Vorschriften und die Bürokratie. Das nimmt einem ein Stück Freiheit. Gleichzeitig bin ich in meinem Kopf heute freier als früher. Ich überlege genau, wofür ich meine Zeit einsetze, und engagiere mich nur noch dort, wo ich wirklich etwas bewegen kann. Ich verschenke meine Zeit nicht mehr und nehme mir bewusst kleine Auszeiten, um einen Ausgleich zu haben. Das ist für mich heute Freiheit.“ 

Das Interview mit Unternehmerin Sabine Unckell führte Lebensline Chefredakteurin Susanna Khoury.

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