„Es müsste viel mehr geschehen“

Geschäftsführer Michael Kuhnert zum „Welttag der Armen“ – Das Institut kämpft an vielen Fronten gegen die dramatischen gesundheitlichen und sozialen Konsequenzen von Armut

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Michael Kuhnert weist anlässlich des „Welttags der Armen“ auf die nach wie vor gravierenden Gesundheitsprobleme armer Menschen auf unserem Globus hin.
Foto: Pat Christ

Würzburg (MI) Keine Frage: Es hat sich in den vergangenen Jahres etwas getan. Gerade durch die Millenniumsziele. „Doch das reicht bei weitem nicht“, sagt Instituts-Geschäftsführer Michael Kuhnert anlässlich des „Welttags der Armen“, den Papst Franziskus am 18. November zum zweiten Mal ausgerufen hat. Noch immer leben rund 800 Millionen Menschen auf dieser Erde in extrem prekären Lebensumständen. Jeder einzelne, sagt Kuhnert, ist aufgerufen, seinen Teil dazu beizutragen, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen.

In zahlreichen Projekten kämpft das Missionsärztliche Institut gegen die dramatischen gesundheitlichen und sozialen Konsequenzen von Armut an. Zum Beispiel in Kolumbien. Dort macht der indigenen Bevölkerung eine Raubwanze zu schaffen. Die überträgt den Erreger Trypanosoma cruzi, der die Tropenkrankheit Chagas verursacht.

Weil diese Krankheit oft viel zu spät entdeckt wird, gefährdet sie das Leben von mindestens acht Millionen Betroffenen, erläutert Kuhnert: „Herz und Magen-Darmtrakt werden oft schwer geschädigt.“ Deshalb sterben jedes Jahr mindestens 12.000 Menschen – oft, ohne zu wissen, dass und womit sie sich infiziert haben. Im Sommer letzten Jahres startete MI-Mitarbeiterin Dr. Simone Kann zusammen mit kolumbianischen Partnern und der Else Kröner-Fresenius-Stiftung ein Diagnose-Pilotprojekt in vier Dorfgemeinschaften rund um Santa Marta im Nordosten Kolumbiens. Durch die frühe Entdeckung der Infektion können viele Erkrankte gerettet werden.

Chagas hat direkt etwas mit den prekären Lebensbedingungen der indigenen Bevölkerung in Kolumbien zu tun. Die Menschen wohnen in primitiven Hütten. In den Ritzen und im Palmdach können sich die blutsaugenden Wanzen gut vermehren. Doch nicht nur das Wohnumfeld müsste dringend verbessert werden, so Kuhnert. „Vor Ort haben wir anhand von Stuhluntersuchungen gesehen, wie problematisch die Trinkwasserversorgung ist: Viele Kinder haben schwerste Infektionen, die nicht selten zum Tod führen“. Aus dem Chagas-Projekt entsteht deshalb eine neue Initiative: Zusammen mit Partnern vor Ort, nicht zuletzt mit dem Verwaltungsrat der Indigenen, wird versucht, den Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser zu sichern.

Gemeinsam Not lindern

Bei jedem einzelnen Projekt ist das Missionsärztliche Institut auf Menschen angewiesen, die bereit sind, aktiv oder in Form von Spenden mitzuhelfen, die Not zu lindern. Das gilt auch und gerade für eine Initiative, die vor zweieinhalb Jahren in Uganda startete. Dort leiden viele Frauen an den Folgen von Geburtsfisteln. „Vor allem Mädchen, die sehr jung gebären, sind betroffen“, erläutert Kuhnert. Oft sind sie mit einer komplizierten Schwangerschaft völlig alleingelassen. Auch bei der Entbindung in der Hütte sind in vielen Fällen weder eine Hebamme noch ein Arzt anwesend. Steckt das Baby zu lange im Geburtskanal fest, kann Gewebe zwischen Vagina und Blase oder zwischen Vagina und Darm absterben. Inkontinenz ist die Folge.

„Die Armut wird nicht gesucht, sondern von Egoismus, Hochmut, Gier und Ungerechtigkeit verursacht“, konstatiert Papst Franziskus. Diesen Egoismus beobachtet auch der Geschäftsführer des Instituts. Zwar scheint Deutschland ein spendenfreudiges Land zu sein – rund 5,2 Milliarden Euro flossen laut dem Deutschen Spendenrat 2017 sozialen und kulturellen Zwecken zu. Doch die Zahl der Spender ging zuletzt deutlich zurück.

Rund 21 Millionen Menschen gaben im vergangenen Jahr freiwillig etwas von ihrem Reichtum ab. Das war der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebungen im Jahr 2005 und bedeutete einen Rückgang von insgesamt neun Prozent. „Christen begehen angesichts der globalen Armut permanent die Sünde der schweren Unterlassung“, kommentiert Kuhnert diese Zahlen. Nächstenliebe und Verantwortung, sagt er, schauen anders aus.

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