Das Leben ist scharf,

... man muss es nur durch die richtige Brille sehen. Florian Wagenbrenner über das sanfte Hineingleiten in die Presbyopie

0

Wie gut die Gleitsichtbrille für den Träger passe, liege an der Vorarbeit des Optikers, sprich, an den genauen individualisierten Messungen wie etwa Vorneigung der Brille, des Fassungsscheibenwinkels oder auch der exakten Ermittlung des Hornhautscheitelabstandes (Abstand zwischen Brillenglas und Hornhautvorderfläche), sagt Optometrist Wagenbrenner. Foto: Susanna Khoury

Ein häufiges Phänomen ab Mitte 40/Anfang 50: die Arme sind plötzlich zu kurz … das Kleingedruckte auf dem Papier, das ich bisher immer ein wenig auf Distanz halten musste, dann aber prächtig lesen konnte, kann ich nicht mehr entziffern, auch nicht mit ganz weit Weghalten …!

Sind meine Arme kürzer geworden? Hier gilt es in der Regel nicht den Endokrinologen zurate zu ziehen, ob man sich eine Wachstumsstörung zugezogen hat, meist kann ein guter Optiker die Symptome auch beheben.

Die „Genesungsdauer“ beträgt so lange, wie etwa die Fertigung einer neuen Gleitsichtbrille in Anspruch nimmt. Presbyopie heißt die Diagnose, die Viele erschaudern lässt, nicht, weil die Krankheit so dramatisch verlaufen würde … eher deswegen, weil man durch sie daran erinnert wird, dass man „fortgeschritten“ jung ist. Aber alt mit Mitte 40/Anfang 50? Alt genug für „Altersweitsicht“, wie „Presbyopie“ im Volksmund auch genannt wird.

„Wer sowieso eine Brille trägt, wegen Kurzsichtigkeit beispielsweise, für den hat die Gleitsichtbrille den Vorteil, dass andere nicht bemerken, dass in der neuen Brille eine Lesehilfe mit verbaut ist“, betont Optikermeister Florian Wagenbrenner den Vorteil der hochkomplexen Gleitsichtgläser. Diese stellen in unterschiedlichen Zonen jeweils auf Nah- und Fernsicht scharf und schaffen so gleitende Übergänge im Sehen.

Der obere Bereich des Glases sei für die Fernsicht optimiert, der mittlere für Zwischenentfernungen, und mit dem unteren Drittel könne man im Nahbereich gut sehen, so der Optometrist aus Würzburg. Quasi, wie im wirklichen Leben … der Blick in die Ferne geht gerade aus nach oben, das Kleingedruckte auf der Tiefkühlverpackung hält man eher unten und, je nach Dioptrin-Stärke, näher oder weiter von den Augen entfernt.

Die moderne Gleitsichtbrille habe auch nichts mehr mit Omas so genannter Bifokal-Brille gemein, bei der unten in jedem Glas jeweils ein kleines Fensterchen verbaut war, durch das man in der Nähe (30 Zentimeter) gut sehen konnte, so Florian Wagenbrenner.

Die Gleitsichtgläser von heute könnten wesentlich mehr, seien aber auch teurer als beispielsweise eine herkömmliche Einstärkenbrille, gibt der Optikermeister offen zu. „Das liegt an den aufwändigen Herstellungsverfahren der Gleitsichtgläser, die beispielsweise ‚Schaukeleffekte‘ beim Tragen eliminiert haben und nahezu für jeden Träger individualisiert werden können“.

Auch die Eingewöhnungszeit sei kürzer geworden: „Für die meisten ist es nach wenigen Tagen schon in Fleisch und Blut übergegangen, wo sie hingucken müssen, um alles immer scharf sehen zu können!“

Das Interview mit Augenoptikermeister Florian Wagenbrenner führte Lebenslinie-Chefredakteurin Susanna Khoury.

Teile.