Bloß nicht allein daheimhocken! – Franz Müntefering begeistert in Würzburg mit seinen Gedanken übers Älterwerden

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Franz Müntefering. Foto: Volker Stawski

Der eine findet am Wandern Geschmack. Der nächste am Schwimmen. Der dritte entdeckt im Alter das Tanzen für sich und empfindet es als wunderschön, sich im Walzertakt durch den Saal zu schwingen. „Hauptsache Bewegung!“ Das war eine der Kernbotschaften von Franz Müntefering, Vorsitzender der BAGSO – Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen, der am 22. Oktober in Würzburg übers Älterwerden sprach. Die Würzburger Seniorenvertretung hatte Müntefering eingeladen.

Egal, ob jemand durch die Fußgängerzone flaniert oder fleißig in die Pedale tritt: „Das Bewegen der Beine ernährt das Gehirn“, betonte Müntefering. Im besten Falle bewegt sich eine Gruppe älterer Menschen gemeinsam. Denn soziale Kontakte sind im Alter genauso wichtig wie das Bewegen der Füße. Viele Senioren wissen das auch. Aber mit wem sollen sie sich zum gemeinsamen Spaziergang zusammentun? „Da heißt es dann oft, die anderen Alten seien so ‚komisch’“, weiß Franz Müntefering aus vielen Gesprächen. Das mag ja sein. „Aber besser, mit komischen Menschen spazieren zu gehen, als alleine zu Hause hocken“, so das SPD-Urgestein.

Müntefering ermunterte in Würzburg dazu, im Alter Hemmschwellen zu durchbrechen und den Mut aufzubringen, Neues zu wagen. Es sei zwar gut, dass es heute viele ambulante Angebote gibt, die ältere Menschen vor einem Umzug ins Heim bewahren. Stichwort: Essen auf Rädern. Doch gerade dieser Service kann zum zweischneidigen Schwert werden: Man bekommt die Mahlzeiten geliefert, muss also nicht mehr aus dem Haus gehen. Die Gefahr steigt, dass sich der Senior gehen lässt. Dass er nicht mehr auf sein Äußeres achtet. Und allmählich vereinsamt. Besser wäre es, irgendwohin zum Mittagstisch zu gehen. Oder gar ein gemeinsames Kochen zu organisieren.

Im Alter selbst aktiv zu werden, ist Müntefering zufolge enorm wichtig. Um drei „L“ sollten die Aktivitäten nach seiner Überzeugung kreisen: „Laufen, Lehren und Lernen, Lachen.“ Älter zu sein, schließe Lebensfreude nicht aus. Im Gegenteil. Ältere Menschen verfügten über eine heute kostbare Währung: „Zeit.“ Sie haben Zeit, sich zu engagieren, etwas miteinander zu unternehmen, gemeinsam Schönes zu entdecken. „Wir sollten uns treffen, miteinander essen und miteinander reden, diese Kultur dürfen wir auf keinen Fall kaputtgehen lassen“, appellierte der BAGSO-Vorstand.

Von Senioren können auch wichtige Impulse für die kommunale Entwicklung ausgehen. Müntefering regte zum Beispiel an, eine Geschichtswerkstatt zu gründen. Die eigenen Kinder und Enkel können die „ollen Kamellen“ von damals vielleicht nicht mehr hören: „Doch für andere ist das, was wir in der Nachkriegszeit erlebt haben, hochinteressant.“ Wie war das zum Beispiel mit der „Quäkerspeisung“? Wie hat das mit den Lebensmittelmarken funktioniert? Was verstand man zu Schwarzmarktzeiten unter einem „Kompensationsgeschäft“? „All das wissen viele nicht mehr“, konstatierte der Politiker aus dem sauerländischen Sundern, der am 1. April 1946 eingeschult wurde.

Diskussionsbedarf sieht Franz Müntefering beim Thema „Finanzierung“. Senioren könnten zwar Vieles aus eigener Kraft auf die Beine stellen. Doch ein Projekt am Laufen zu halten, sei auf rein ehrenamtlicher Basis oftmals schwierig. Kinder und Jugendliche, so der BAGSO-Vorstand, haben einen Rechtsanspruch auf Unterstützung: „Kinder- und Jugendhilfe ist verbindlich für jede Stadt.“ Ob es genug Kita- oder Schulplätze gibt, hängt deshalb nicht von der kommunalen Kassenlage ab. In der Altenhilfe gebe es nichts Vergleichbares: „Hätten wir eine Gesetzgebung zur Sicherung der Altenhilfe, wäre Altenhilfe eine Pflichtaufgabe, für die man auch das nötige Geld geben müsste.“

Zum Job kommunaler Sozialarbeiter gehörte es dann zum Beispiel auch, alte Menschen, die alleine leben, zu Hause aufzusuchen. Single-Haushalte, so Müntefering, gibt es in Deutschland immer mehr: „51 Prozent aller Haushalte in Berlin sind inzwischen Ein-Personen-Haushalte.“ Dazu zählen auch Studierende. Doch bei einem großen Teil handelt es sich um Senioren, die unfreiwillig alleine leben: „Viele von ihnen sind einsam.“ Einsamkeit wiederum vermindert die Lebensqualität. Und scheint sogar das Leben zu verkürzen.

Ist jemand sozial eingebettet, stehen die Chancen gut, dass dieser Mensch gesund alt wird. Dies jedenfalls stellte sich laut Müntefering bei einer Untersuchung zum Thema „Nachbarschaft“ heraus. „Wer sieben von zehn Nachbarn beim Vornamen nennen kann, lebt fünf Jahre länger“, berichtete er. Das habe nichts mit der Gedächtnisleistung zu tun. Sondern vielmehr mit Neugier und Interesse. Und zwar auch für Menschen, die vielleicht ein bisschen „komisch“ sind.

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