Balneologie & Kurortmedizin

Anwendungen mit Wasser sind äußerst beliebt. Aber ist ihre Wirksamkeit auch wissenschaftlich belegt?

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Prof. Dr. Thomas Keil, Professor für Prävention und Gesundheitsförderung am Institut für Klinische Epidemiologie und Biometrie der Universität Würzburg sowie Leiter des Instituts für Kurortmedizin und Gesundheitsförderung (IKOM) am Bayerischen Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) in Bad Kissingen, stellt fest: „Medizinische Studien haben bei Laien einen guten Ruf, aber sie entsprechen häufig nicht den heutigen wissenschaftlichen Ansprüchen“. Er äußerte sich dazu ausführlich in seinem Vortrag beim Symposium „Balneologie und Kurortmedizin“ Ende 2019 in Bad Kissingen.

Er rät zu einer Fokussierung auf evidenzbasierte Medizin¹. Diese berücksichtigt neben dem aktuellen Stand der klinischen Forschung die individuelle klinische Erfahrung und die Werte und Wünsche des Patienten, und nimmt letztlich eine transparente Qualitätsbewertung der Ergebnisse vor. Professor Keil untermauerte den unterschiedlichen Aussagewert von Studien anhand von drei Beispielen. 2015 ging die holländische Allgemeinmedizinerin Arianne P. Verhagen² der Fragestellung nach, inwieweit Patienten mit Rheumatoider Arthritis (RA) von Balneotherapie (Mineralwasserbäder, Gasbäder oder Schlammpackungen) hinsichtlich ihrer Schmerzen profitieren oder ob diese ihnen schade³. Sie konnte nicht nachweisen, dass Balneotherapie bei RA wirksamer sei als irgendeine andere Behandlung.

Jedoch: „Die Qualität dieser und ähnlicher Studien ist nicht überzeugend“, so der Professor, „so gibt es unter anderem meist keine Angaben zu Nebenwirkungen“. Dennoch: „Für Patienten mit RA ist Balneotherapie eine der ältesten Therapieformen“, so Keil, „für die Forschung bedeutet das, es sind längere, größere und qualitativ bessere Studien notwendig“.

Positive Ergebnisse erhielt Else Marie Bartels bei ihrem Überblick zum Bewegungstraining im Wasser als Behandlung für Patienten mit Knie- und Hüftgelenksarthrose⁴. Ihr Fazit: „Ein Aquatraining, das zwei- bis dreimal pro Woche über einen Zeitraum von sechs bis zwölf Wochen ausgeführt werde, ist eine wirksame Therapie für diese Patienten im Vergleich zu keiner Intervention“. Die Reduktion der Schmerzen sowie die Verbesserung der Gelenkfunktion und der Lebensqualität nach diesem Zeitraum seien nachweisbare „kleine, aber klinisch relevante Effekte“. Sie fragte auch nach unerwünschten Ereignissen, die sie in ihrer Studie aber nicht feststellen konnte. Zu den beliebten Kneipp Anwendungen gibt es in den Datenbanken für medizinische Studien entweder keine Treffer oder keine mit einer Qualitätsbewertung.

„Kürzlich ist jedoch eine abgeschlossene randomisierte Studie⁵ zu einer Kneipp-Kompaktkur bei nicht-organischen Schlafstörungen veröffentlicht worden“, berichtet Professor Keil. Das Resultat dieser, allen heutigen wissenschaftlichen Anforderungen genügenden Studie: „Das Wohlbefinden steigerte sich bereits nach einem Monat und hielt bis sechs Monate nach Beobachtungsende an“.

Das Symposium „Balneologie und Kurortmedizin“ fand im November 2019 in Bad Kissingen statt. Die Referenten aus Deutschland, Österreich und Tschechien setzten sich mit der Entstehung und der Entwicklung der Balneologie auseinander, verorteten die Balneologie als universitäre Wissenschaft, fragten nach dem Stand und der Bedeutung von Balneologie und Kurortmedizin heute, zeigten Desiderate der Forschung auf und schnitten neue Themenfelder an.

Quellen: ¹www.cochrane.de/de/ebm, ²www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/14583923, ³www.cochrane.org/de/CD000518/balneotherapie-badertherapie-bei-rheumatoider-arthritis, ⁴www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD005523.pub3/full, ⁵www.fuessen.de/gesundheit/besser-schlafen/studie-gesunderschlaf-durch-innere-ordnung.html. Randomisiert: Die Zuordnung zu der Behandlungsgruppe und der Vergleichsgruppe erfolgt nach dem Zufallsprinzip.

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Mit Gesundheitskompetenz punkten
Peter Weidisch, Projektleiter der UNESCO-Welterbebewerbung „Great Spas of Europe“ für Bad Kissingen, kommentiert das Symposium

Lebenslinie (LL): Der Forschungsstand in Sachen Balneologie scheint aktuell mehr als dürftig …
Peter Weidisch (PW): Das sehe ich anders. Die Balneologie hat – im Rückblick gesehen – einen hohen Forschungsstand. Ein Blick auf die Publikationen zeigt dies deutlich – für das 19. bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nicht zuletzt haben die Bad Kissinger Ärzte bei der Grundlegung dieses neuen Forschungsgebietes, bei Entwicklung und Ausbau der Balneologie einen wichtigen Beitrag geleistet. Leider wirkte die Gesundheitsreform der 1980er-Jahre auch für die balneologische Forschung als Zäsur. Doch an das Erreichte gilt es nun neu anzuknüpfen und die Auseinandersetzung mit Balneologie und Kurortmedizin wiederzubeleben, ja zeitgemäß neu auszurichten.
LL: Inwieweit plant Bad Kissingen sich hier in der Forschung zu engagieren?
PW: Das Symposium in Bad Kissingen war – wie unser Vorgängersymposium 2014 „Kurort und Modernität“ – als internationale Tagung angelegt. Auch diesmal habe ich den interdisziplinären Ansatz aufgegriffen. Diese Herangehensweise bietet die Chance eines frischen Blickes auf die Balneologie, vom „wo kommen wir her“ über das „wo stehen wir heute“ bis hin zu „wo könnte es hingehen“. Und da wir bereits erste Antworten auf die Frage „wo sollte es denn eigentlich hingehen“ erhalten haben, sind wir mit diesem ersten Aufschlag schon sehr weit gekommen, daran kann nun angeknüpft werden. Dazu bieten unsere Kooperationen der „Great Spas of Europe“ beste Voraussetzungen. Nach dem Bad Kissinger Symposium sind zwei weitere Symposien zur „Balneologie“ in Franzensbad und Baden bei Wien geplant. Natürlich ist das noch keine Forschung, aber von dort könnten wertvolle Impulse ausgehen. Eine in diesem Zusammenhang wichtige Institution ist in Bad Kissingen das neu geschaffene Institut für Kurortmedizin (IKOM) am Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). Ziel des Instituts ist es unter anderem, kurmedizinische Verfahren gut zu erforschen, damit die Krankenkassen sie als Leistungen erstatten. Eine weitere Aufgabe des IKOM ist es, Zukunftsthemen zu identifizieren. Kurorte sollen als Kompetenzzentren für Gesundheit ausgebaut werden.

www.badkissingen.de und www.facebook.com/greatspasofeurope.badkissingen

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