Der Schnee ist am Nachmittag schwerer geworden. Die Kräfte und die Konzentration haben nachgelassen. Nur noch ein letzter Schwung … Und dann passiert es: Der Ski verhakt sich, der Fuß bleibt stehen, der Körper dreht weiter. Ein kurzer Schmerz schießt durchs Knie und plötzlich ist der Skitag vorbei. Dem Chefarzt im Fachklinikum Mainschleife in Volkach, Dr. Thomas Krause, ist dieser Unfallmechanismus nur allzu vertraut. „Da braucht es gar nicht viel“, weiß der Spezialist, selbst passionierter Skifahrer. Der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit Zusatzbezeichnung Sportmedizin ist zertifizierter Kniechirurg der Deutschen Kniegesellschaft und betreut zudem die U23-Frauen-Nationalmannschaft des DFB. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit Verletzungen des Kniegelenks. Beim Skifahren trifft es besonders häufig das vordere Kreuzband, aber auch Innenband und Meniskus können Schaden nehmen. Der Grund liegt nicht zuletzt im Skischuh. Fuß und Sprunggelenk sind darin fest eingebunden. „Die erste Drehbewegung, die dann erfolgt, ist im Knie“, erklärt Dr. Krause. Besonders ungünstig sei es, wenn das Knie nach innen kippt und sich Unterschenkel und Fuß gleichzeitig nach außen drehen. Dafür brauche es weder eine schwarze Piste noch hohes Tempo. „Schon eine unglückliche Verdrehung beim Warten am Lift kann ausreichen.“ Starke Schmerzen, eine rasch auftretende Schwellung, eingeschränkte Belastbarkeit oder das Gefühl, dass im Knie etwas gerissen oder verrutscht ist, sollten unbedingt ärztlich abgeklärt werden. Doch nicht jede Verletzung bedeutet automatisch eine Operation. „Ich bin bei Indikationen sehr streng“, betont Dr. Krause. Entscheidend seien Art und Ausmaß der Verletzung sowie die Stabilität des Gelenks. Beim Kreuzband allerdings führe der Weg häufiger in den Operationssaal, vor allem bei deutlicher Instabilität oder Begleitverletzungen. Der Arzt vergleicht das Band treffend mit einer Türangel: Fehle sie, kann die Muskulatur zwar einen Teil der Stabilisierung übernehmen, aber nicht dauerhaft jede Bewegung auffangen. Bleibe das Knie instabil, können Meniskus und Knorpel zusätzlich geschädigt werden. Für ihn als erfahrenen Operateur gilt: „Ich muss es besser machen als das, was jetzt aktuell ist.“ Er sagt aber auch: „Wer seit Jahren mit einem gerissenen Kreuzband stabil und beschwerdefrei lebt, muss deshalb nicht zwangsläufig operiert werden.“ Nach einer Kreuzbandoperation seien zunächst Geduld und Mitarbeit gefragt. Rund vier Wochen werden Gehstützen benötigt, häufig etwa sechs Wochen eine Orthese. Bis zur Rückkehr zu Sportarten wie Skifahren, Fußball oder Handball nennt er einen deutlich längeren Zeitraum: „Dann sprechen wir von etwa sechs bis neun Monaten.“ Eine gewissenhafte Rehabilitation sei dabei entscheidend. „20 Minuten Krankengymnastik pro Woche bringen keine Wende.“ Patientinnen und Patienten müssten selbst aktiv mitarbeiten. Doch das Ergebnis sei bei so gut wie allen hervorragend. Noch lieber wäre es dem Knieexperten allerdings, wenn es gar nicht erst zur Verletzung käme. „Das Wichtigste ist die Prophylaxe.“ Dazu gehören kräftige Bein- und Rumpfmuskeln, Beweglichkeit und eine gute Vorbereitung auf die Skisaison. Gezieltes Training sei „extrem wichtig“. Das unterstreicht auch eine aktuelle Übersichtsarbeit1 aus dem Jahr 2025. Die Auswertung von 27 Studien zeigt, dass unter anderem eine geringe körperliche Fitness, mangelndes Fahrkönnen, Risikoverhalten sowie ungünstig eingestellte Bindungen das Risiko für einen Kreuzbandriss beim alpinen Skifahren erhöhen können. Auch die Schneeverhältnisse spielen eine Rolle. Ebenso entscheidend ist aber auch das eigene Verhalten. Wer müde wird, sollte eine Pause machen. Und wer merkt, dass Kraft und Konzentration nachlassen, sollte den letzten Schwung lieber auslassen. Denn manchmal entscheidet genau dieser darüber, ob der Tag beim Après-Ski endet oder in der Notaufnahme am Urlaubsort.
Fotos: ©depositphotos.com: @belchonock, @CandyBoxImages; Quelle: 1 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40744398/