
©Ingo Peters
Die Beziehung zwischen Ärztin/Arzt und Patientin/Patient ist ein zentraler Baustein der medizinischen Versorgung. Sie basiert auf Vertrauen, Empathie und klaren Grenzen. Eine offene Kommunikation fördert nachweislich die sogenannte Compliance (Therapietreue) und damit den Behandlungserfolg. Vom Ärztlichen Direktor der Orthopädischen Klinik König-Ludwig-Haus in Würzburg, Professor Maximilian Rudert, wollte die Lebenslinie wissen: Wie muss die Beziehung zwischen Ärztin und Arzt und Patientin und Patient aussehen, damit Heilung gelingt?
Maximilian Rudert (MR): „Prinzipiell ist die Beziehung zwischen Ärztin/Arzt und Patientin/Patient bidirektional, also keine Einbahnstraße. Sie geht erst einmal von der Patientin oder dem Patienten zur Ärztin und zum Arzt. Das bedeutet, sie und er muss zuhören und aufnehmen können. Dazu gehört, die Bedürfnisse, Probleme und Ängste der Patientinnen und Patienten ernst zu nehmen. Dadurch entsteht Vertrauen.“
Lebenslinie (LL): Die Arzt-Patienten-Beziehung ist von Natur aus asymmetrisch. Wie kann dennoch das Selbstbestimmungsrecht der Patientin oder des Patienten gewährleistet werden?
MR: „Genau deshalb ist Vertrauen so wichtig. Die Aufgabe der Ärztin und des Arztes besteht darin, medizinisches Wissen verständlich zu vermitteln und die Patientin und den Patienten in die Lage zu versetzen, informierte Entscheidungen zu treffen. Selbstbestimmung bedeutet nicht, dass Patientinnen und Patienten alles wissen müssen, sondern dass sie auf einer guten Beratungsgrundlage entscheiden können.“
LL: Wie hat sich im Laufe der Zeit das Verhältnis verändert?
MR: „Früher war die Medizin stark autoritär und paternalistisch geprägt: Die Ärztin und der Arzt hat entschieden, die Patientin und der Patient musste folgen. Fragen waren nicht gewünscht. Heute verstehen wir die Beziehung als Partnerschaft. Patientinnen und Patienten informieren sich selbst, möchten mitentscheiden. Gleichzeitig ist die Medizin komplexer geworden. Gerade deshalb gewinnt eine vertrauensvolle Kommunikation an Bedeutung.“
LL: Vertrauen als wichtiger Baustein im Verhältnis zu Patientinnen und Patienten. Was müssen Ärztinnen und Ärzte leisten, damit ihnen Vertrauen entgegengebracht wird?
MR: „Vertrauen entsteht durch Kompetenz und Ehrlichkeit. Patientinnen und Patienten erwarten eine fachlich einwandfreie Bewertung und Behandlung, ebenso Offenheit im Umgang mit Chancen und Risiken. Wer Unsicherheiten nicht verschweigt und nachvollziehbar begründet, warum eine bestimmte Therapie empfohlen wird, kann Vertrauen stärken. Vertrauen beruht aber auf Gegenseitigkeit. Geht es auf beiden oder auch nur auf einer Seite verloren, ist eine erfolgreiche Weiterbehandlung nicht mehr sinnvoll oder gar unmöglich. Hier sollten sich auch Wege wieder trennen.“
LL: Die neue Gesundheitsreform mit ihren Einsparmaßnahmen verunsichert die Menschen. Wie kann man Betroffenen die Angst nehmen, schlechter versorgt zu werden?
MR: „Dafür fehlt mir ehrlich gesagt die Fantasie. Das Gesundheitssystem, wie es sich bis heute entwickelt hat, ist so nicht mehr finanzierbar. Es gibt also nur die Möglichkeit, einzuschränken, um Kosten zu sparen oder mehr dafür zu bezahlen. Einschränkungen bedeuten aber nicht gleich, dass man als Patientin oder Patient schlechter versorgt wird, nur mit weniger Mitteln. Unser Gesundheitssystem ist ein Solidarsystem. Kosten entstehen auf vielen Ebenen. Etwa auch durch Hilfsmittel, die man eigentlich nicht braucht, Medikamente, die dann nicht eingenommen werden oder verlängerte Liegezeiten im Krankenhaus aus rein sozialer Indikation. Dadurch geht Geld verloren, dass anderswo sinnvoll eingesetzt werden könnte. Gerade in Zeiten knapper werdender Ressourcen bedeutet Solidarität, verantwortungsvoll mit den Möglichkeiten des Gesundheitssystems umzugehen. Jeder und Jede muss sich fragen, ob er oder sie das wirklich tun.“
Fotos: Prof. Rudert , ©depositphotos.com: @alexraths, @monkeybusiness, @sweet_tomato
Das Interview mit dem Ärztlichen Direktor der Orthopädischen Klinik König-Ludwig-Haus in Würzburg führte Lebenslinie Chefredakteurin Susanna Khoury.