
©Stefan Mahler
Wenn das Rezept eingelöst werden muss oder Fragen zu einem neuen Medikament auftauchen, ist die Apotheke oft die erste Anlaufstelle. Doch ihre Bedeutung wächst. Sie entwickelt sich zunehmend zu einem Ort, an dem Menschen Beratung, Prävention und schnelle Hilfe erhalten – wohnortnah, persönlich und ohne lange Wartezeiten. Die neue Apothekenreform greift diese Entwicklung auf und erweitert die Möglichkeiten der Apotheken. Für Patientinnen und Patienten kann das ein echter Gewinn sein. „Im Gesundheitswesen kann es keinen Stillstand geben“, sagt Dr. Michael Sax, Inhaber der Stern- und Theater Apotheke in Würzburg. „Die Anforderungen der Menschen ändern sich genauso wie die Arbeitswelten in den Gesundheitsberufen.“ Für ihn sind Veränderungen deshalb grundsätzlich positiv – vorausgesetzt, sie verbessern die Versorgung und entstehen nicht im Gegeneinander, sondern im Miteinander. „Nur im Schulterschluss mit der Ärzteschaft können wir die Versorgung sinnvoll weiterentwickeln.“ Schon heute leisten Apotheken deutlich mehr als die Abgabe von Medikamenten. Sie prüfen Wechselwirkungen, beraten zu Nebenwirkungen und unterstützen bei Lieferengpässen. Mit der Reform kommen weitere Aufgaben hinzu: Nach entsprechender Qualifikation können Apotheken zum Beispiel zusätzliche Impfungen anbieten. Das Ziel ist, den Zugang zur medizinischen Versorgung einfacher zu machen und gleichzeitig Arztpraxen dort zu entlasten, wo es sinnvoll ist. Nicht jede neue Aufgabe bewertet Dr. Sax jedoch gleichermaßen positiv. Gerade bei Blutentnahmen sieht er Grenzen. „Wir Apotheker sind keine Diagnostiker“, sagt er. Eine solche Leistung erfordere geeignete Räumlichkeiten, technische Ausstattung und vor allem speziell geschultes Personal. Erst wenn bundesweit einheitliche Ausbildungsstandards geschaffen seien, könne man verantwortungsvoll über eine Umsetzung nachdenken. Ein konkreter Vorteil der Reform ist dagegen die sogenannte Anschlussversorgung. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt und beispielsweise im Urlaub feststellt, dass die Tabletten zu Hause liegen geblieben sind, kann künftig unter bestimmten Voraussetzungen einmalig die kleinste verfügbare Packung direkt in der Apotheke erhalten. „Die Apotheke darf dann unbürokratisch aushelfen“, erklärt der Apotheker. Das ersetze zwar nicht den Besuch bei der Ärztin oder beim Arzt, verhindere aber, dass wichtige Therapien unterbrochen werden. Auch bei Lieferengpässen, die viele Menschen in den vergangenen Jahren erlebt haben, erhalten Apotheken mehr Handlungsspielraum. Ist ein verordnetes Präparat nicht verfügbar, können Apothekerinnen und Apotheker ein gleichwertiges Arzneimittel auswählen. „Diese Verantwortung tragen wir schon lange“, sagt Dr. Sax. Die neuen Regelungen schaffen vor allem mehr Rechtssicherheit und bauen unnötige Bürokratie ab. Trotz aller Neuerungen bleibt für Dr. Sax eines unverändert: Die persönliche Beratung ist und bleibt das Herzstück jeder Apotheke. Gerade in einer älter werdenden Gesellschaft wünschen sich viele Menschen einen kompetenten Ansprechpartner, der zuhört, Fragen verständlich beantwortet und Orientierung gibt. Moderne Apotheken könnten genau diese Rolle übernehmen – als Gesundheitslotsen, die Patientinnen und Patienten begleiten und ihnen helfen, sich im immer komplexeren Gesundheitssystem zurechtzufinden. Ob sich alle Reformelemente in der Praxis bewähren, wird die Zukunft zeigen. Für Dr. Sax steht jedoch fest: Moderne Gesundheitsversorgung funktioniert nur gemeinsam. „Veränderungen sind eine Chance, Dinge zu strukturieren und mitzugestalten“, sagt er. Entscheidend sei, dass Ärztinnen, Ärzte und Apotheken ihre jeweiligen Stärken einbringen – damit Patientinnen und Patienten am Ende von einer besseren, schnelleren und wohnortnahen Versorgung profitieren.
Das Interview mit Apotheker Dr. Michael Sax führte Lebenslinie-Chefredakteurin Susanna Khoury.