
©Marcel Gollin
Unser Körper lässt sich mit einer Landschaft vergleichen. Da gibt es stille Quellen, weit verzweigte Flüsse, schützende Hecken, fruchtbare Böden und blühende Gärten. In der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM) stehen die Organe daher nicht nur für körperliche Aufgaben. Ihnen werden auch eigene Energien und Bedürfnisse zugeschrieben. „Heilpflanzen begleiten diese inneren Landschaften seit Jahrhunderten und laden dazu ein, achtsamer mit dem Körper umzugehen“, sagt Romina Höchner, Inhaberin des Würzburger Kräuterladens „Kraut Allerliebst“. Das Herz gleiche dabei einem warmen Rosengarten. Es stehe in der TEM für Lebensfreude, innere Ausgeglichenheit und Wärme. Weißdorn, Melisse, Rosenblüten, Mistel und Herzgespann gehören zu den Pflanzen, die traditionell dem Herzen zugeschrieben werden. „Sie laden dazu ein, einen Moment langsamer zu werden und den Alltag für eine Tasse Tee hinter sich zu lassen“, so die Fachfrau. Die Leber beschreibt Romina Höchner als „Wald der Wandlung“. Sie verwandele, speichere und sortiere. Mariendistel, Löwenzahn, Artischocke und Schafgarbe zählen zu den klassischen Leberpflanzen. Vor allem ihre Bitterstoffe werden seit Jahrhunderten geschätzt und gehören zu den Klassikern jeder Leberteemischung.“ Auch Nieren und Blase bilden eine gemeinsame Landschaft. Die Nieren glichen stillen Quellen, die den Flüssigkeitshaushalt regulieren und in der TEM für Kraftreserven und Balance stehen. Birkenblätter, Goldrute, Brennnessel und Ackerschachtelhalm fänden sich traditionell in Nieren- und Blasentees. Zu den klassischen Blasenkräutern gehört außerdem die Hauhechelwurzel. Die Lunge hingegen sei der Wald. Durchatmen sei hier angesagt. „Mit jedem Atemzug schenkt die Lunge unserem Leben Rhythmus“, sagt Höchner. Thymian, Spitzwegerich, Lungenkraut, Königskerze, Malve und Lindenblüten werden besonders in der kalten Jahreszeit für Teemischungen verwendet. Magen und Darm bildeten unsere verdauende Mitte. Der Magen sei der achtsame Kessel, in dem nicht nur Speisen, sondern oft auch Erlebnisse verarbeitet werden. Kamille, Melisse, Kalmus, Käsepappel, Tausendgüldenkraut und Wermut gelten als klassische Magenkräuter. „Im Darm entscheidet sich, was der Körper aufnehmen darf und was wieder gehen kann.“ Fenchel, Anis, Kümmel, Kamille und Pfefferminze begleiten den Bauch traditionell nach üppigen Mahlzeiten. Auch Geist und Nervensystem brauchen Ruhe. Lavendel, Melisse, Passionsblume, Rose, Hopfen und Baldrian werden als Abendtee oder in unruhigen Zeiten geschätzt. Sie erinnern daran, dass Teetrinken mehr sein kann als die Aufnahme von Pflanzenstoffen. Entscheidend sei aber nicht allein die Mischung. Es gehe darum, die Signale des eigenen Körpers wieder wahrzunehmen: Wo zeigt sich Enge? Wo entsteht Müdigkeit? Wo fühlen wir Hitze, Schwere oder Unruhe? Wer achtsam hinspürt, entwickle mit der Zeit ein persönliches Verständnis für die eigenen Bedürfnisse. Dabei gebe es nicht die eine richtige Teemischung. „Jeder Mensch bringt seine eigene Geschichte und seine eigene Balance mit. Tee kann eine Einladung sein, innezuhalten, den Duft der Kräuter wahrzunehmen und sich selbst wieder ein Stück näherzukommen.“ Und auf diese Weise seine innere Landschaft zu pflegen.