Damit Integration gelingt

50 Jahre Kolping Mainfranken: Sigrid Mahsberg hilft Migranten aus den Sprachkursen

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Dieses Gemeinschaftsbild, das im Kolping-Center Mainfranken hängt, gestalteten Menschen aus unterschiedlichen Nationen. Auch Kolping-Integrationsbeauftragte Sigrid Mahsberg war beteiligt. Foto: Kolping Mainfranken

Der Job, der ihr in Aussicht gestellt wurde, erschien abwechslungsreich und spannend: Als Sigrid Mahsberg vor 30 Jahren gefragt wurde, ob sie sich vorstellen könnte, in der Kolping-Akademie einen Integrationskurs zu leiten, sagte sie sofort zu. „Wir begannen im Herbst 1989 mit einem ersten Sprachkurs für Aussiedler“, erzählt die promovierte Romanistin.

Heute finden parallel 15 Integrationskurse statt. Um die 300 Menschen unterschiedlicher Nationen gehen im Kolping-Center täglich ein und aus.

Dass Gesellen auf Wanderschaft Zugang zu Bildung erhalten, dafür setzte sich Adolph Kolping schon vor 170 Jahren mit seinen Gesellenvereinen ein. Sigrid Mahsberg, die 30 Jahre lang die pädagogische Leitung der Kolping-Sprachkurse inne hatte und seit ihrem Ruhestand im Mai 2018 als Integrationsbeauftragte bei Kolping fungiert, sieht sich mit ihrer Arbeit in direkter Nachfolge Adolph Kolpings. Dessen Wirken sei von großer Toleranz geprägt gewesen. Diese Toleranz lebt in der Integrationsarbeit der Kolping-Akademie fort: Christen, Juden, Muslime sowie Menschen, die keiner Konfession angehören, lernen in den Sprachkursen friedlich zusammen.
Nur wer die Sprache beherrscht, hat eine Chance, eine gute Arbeit zu bekommen. Das hört man oft. Und es stimmt auch, sagt Mahsberg.

In den vergangenen 30 Jahren erlebte sie verblüffende Erfolgsgeschichten von ehemaligen Sprachkursteilnehmern. „Ein Teilnehmer durchlief nach dem Sprachkurs bei uns eine Computerausbildung und ist heute im Stuttgarter Innenministerium tätig“, erzählt sie. Geht sie durch die Stadt, wird sie oft von ehemaligen Kursteilnehmern angesprochen. Die Menschen erzählen ihr freudestrahlend, dass sie es durch den Kurs geschafft haben, in einen Job einzusteigen, eine Wohnung zu bekommen und eine Familie zu gründen.

Die Kurse bringen die Menschen deshalb weiter, weil nicht nur Vokabeln gepaukt werden. Seit dem ersten Kurs ging es dem Kolping-Team gerade auch darum, Migranten zu helfen, in ihrer neuen Heimat Fuß zu fassen. Diesen Anspruch einzulösen, stellte allerdings allein aus zeitlichen Gründen angesichts wachsender Teilnehmerzahlen eine Herausforderung dar. Als Integrationsbeauftragte entlastet Mahsberg ihre Kolleginnen aus der Sprachkursabteilung.

Kursteilnehmer und Dozenten können sich bei Problemen und Konflikten jederzeit an sie wenden. Was auch häufig geschieht.

Migranten, sagt Mahsberg, sind häufig in ihrer eigenen Community zugange. Syrer treffen sich mit Syrern. Afghanen mit Afghanen. Viele wissen wenig über die andere Kultur. Mahsbergs interkulturelle Arbeit besteht denn auch nicht nur darin, Brücken zu bauen zwischen Deutschen und Zugewanderten. Sie vermittelt zwischen der Vielzahl an Kulturen. Das tut die 66-Jährige in Einzelgesprächen sowie in Veranstaltungen und Projekten. „Wir haben zum Beispiel seit dem vergangenen Jahr einen Chor, in dem vorwiegend Analphabeten aus unseren Kursen, darüber hinaus aber auch Würzburger Bürger mitsingen“, berichtet sie.

Schon öfter hatte es Mahsberg mit Migranten zu tun, die schlimme Erlebnisse verkraften müssen. Schon beim allerersten Kurs wurde sie damit konfrontiert, was es bedeutet, in einem fremden Land noch einmal von vorn beginnen zu müssen. „Bei uns war ein Mann aus Kasachstan, der mit seiner Familie nach Deutschland zog, aber eigentlich gar nicht hier sein wollte“, erzählt sie. Aufgrund massiven Heimwehs entwickelte der Kursteilnehmer eine Depression. Schon zu jener Zeit war Mahsberg über ihre Funktion als Kursleiterin hinaus vermittelnd tätig: „Wir sorgten dafür, dass der Mann zu einem Arzt kam.“

Nicht nur von den Teilnehmern erhält Mahsberg häufig ein dickes Lob wegen ihres unermüdlichen Engagements. 2011 wurde sie von der Regierung von Unterfranken für ihre Integrationsarbeit ausgezeichnet. Ein Jahr später erhielt die von ihr gegründete, internationale Theatergruppe „Tschungulung“ den damals erstmals verliehenen „Bayerischen Integrationspreis“. Seit 2003 macht die Truppe unter Mahsbergs Regie durch pfiffige, humorvolle Produktionen auf das Thema „Integration“ aufmerksam. Unter dem Titel „Passt prima!“ nehmen sich aktuell fünf Frauen aus verschiedenen Ländern augenzwinkernd und selbstironisch des Themas „Frausein“ an.

Sigrid Mahsberg ist für die Kolping-Akademie unentbehrlich geworden. Und das nicht nur wegen ihrer umfassenden interkulturellen und interreligiösen Kompetenzen, die sie sich in den vergangenen 30 Jahren angeeignet hat. Sie verfügt heute auch über ein ausgedehntes Netzwerk zum Thema „Integration“. Mahsberg arbeitet mit dem Würzburger Integrations- und Ausländerbeirat zusammen, sie kooperiert mit der städtischen Gleichstellungsstelle, der Jüdischen Gemeinde und der diözesanen Asylseelsorge.

Auch kennt Mahsberg alle sozialen Einrichtungen in Würzburg, die für Einwanderer wichtig werden können. „Kommt jemand zu mir, weil er Probleme mit seinem Kind hat, verweise ich ihn zum Beispiel auf die Erziehungsberatungsstellen“, erklärt sie. Eine Ansprechpartnerin zu haben, die bei jedem Problem zumindest jemanden kennt, der weiterhelfen kann, das erleben die Teilnehmer der Kolping-Sprachkurse als großes Glück. Wissen oder ahnen sie doch, dass dies ein Alleinstellungsmerkmal von Kolping Mainfranken innerhalb der regionalen „Sprachkurslandschaft“ ist.

Das Team von Kolping Mainfranken greift stets auf, was aktuell Thema ist. Wie breit die Organisation heute aufgestellt ist, das soll angesichts des 50-jährigen Bestehens von Kolping Mainfranken in den kommenden Monaten aufgezeigt werden.

Das Jubiläum selbst wird im Herbst 2020 gefeiert.

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