Wenn Gift zu Medizin wird

Apotheker Michael Dickmeis erklärt, warum Fingerhut, Tollkirsche oder Eisenhut heilen können, aber nicht in die Hausapotheke gehören

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©Nicole Oppelt

Giftpflanzen faszinieren, weil sie beides in sich tragen: Gefahr und pharmakologisches Potenzial. Apotheker Michael Dickmeis, Inhaber der Sonnen-Apotheken in Würzburg und Kürnach, bringt es auf den Punkt: „Was ein Gift ist, bestimmt die Dosis.“ Pflanzen seien nicht per se gut oder böse. Entscheidend sei, welche Inhaltsstoffe sie enthalten und was diese im Körper auslösen. „Im ganz schlechten Fall bringen sie Herz oder Nervensystem aus dem Takt“, sagt Dickmeis. Dann könne es lebensgefährlich werden. Dass ausgerechnet solche Pflanzen Arzneigeschichte geschrieben haben, sei kein Widerspruch. Die Tollkirsche etwa enthält Atropin. Der Stoff weitet die Pupillen, spielte historisch in der Augenheilkunde eine Rolle und ist bis heute medizinisch bedeutsam. „Atropin ist von der WHO als unverzichtbares Arzneimittel eingestuft“, erklärt der Pharmazeut. Eingesetzt werde es unter anderem in der Notfallmedizin, bei bestimmten Herzrhythmusstörungen und als Antidot bei Vergiftungen. Auch der Fingerhut bleibe ein Klassiker. „Seine Digitalis-Glykoside können bei Herzschwäche oder bestimmten Rhythmusstörungen helfen“, so Dickmeis. Doch gerade hier zeige sich, wie schmal der Grat ist. „Zu wenig hilft nichts und zu viel ist schädlich“. Deshalb brauche es Blutspiegelkontrollen und ärztliche Steuerung. „Dieses Drug Monitoring ist wirklich essenziell.“ Ähnlich verhalte es sich mit der Herbstzeitlose. Ihr Inhaltsstoff Colchicin werde noch bei Gichtanfällen eingesetzt, hat aber an Bedeutung verloren, weil heute besser vorgebeugt werden kann. „Die Eibe wiederum liefert mit den Taxanen wichtige Impulse für die Krebstherapie. Nicht als Tee, nicht als Gartenexperiment, sondern als isolierter und weiterentwickelter Arzneistoff!“ Bei Eisenhut wird Dickmeis besonders deutlich. Er zählt ihn „zu den giftigsten Pflanzen Europas“. Alle Pflanzenteile seien giftig, teils schon bei Hautkontakt problematisch. Wer Kinder im Haus oder Garten spielen lässt, sollte Eisenhut konsequent meiden. Für alle, die sich für Pflanzenheilkunde interessieren, zieht Dickmeis eine klare Grenze: Giftpflanzen seien nichts für den Selbstversuch oder die Hausapotheke. „Es gibt überhaupt keine Möglichkeit, festzustellen, wie hoch der Gehalt an Toxinen ist“, warnt der erfahrene Apotheker. In der rationalen Phytotherapie würden Extrakte standardisiert, analysiert und dosiert. Selbst gesammelte Blätter, Samen, Beeren oder Wurzeln seien unkalkulierbar. Seine Ansage: „Alle diese Dinge haben im Selbstanbau, frisch gepflückt und getrocknet, überhaupt keinen Platz.“ Besonders häufig passieren Vergiftungen nicht aus Absicht, sondern durch Verwechslung. Maiglöckchen statt Bärlauch sei der Klassiker. Auch Eibe, Eisenhut, Engelstrompete oder Herbstzeitlose begegnen Familien im Garten, auf Wiesen oder beim Spaziergang. Erste Warnzeichen können Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Schwindel, Kopfschmerzen, Herzrasen oder Atemnot sein. Bei Kindern gelte besondere Vorsicht. Wer den Verdacht hat, dass Pflanzenteile gegessen wurden, Giftinformationszentrale anrufen und bei Atemnot, Herzrasen oder schweren Symptomen sofort die 112 wählen. Denn bei Giftpflanzen gilt mehr denn je: Medizin beginnt dort, wo Wissen, Kontrolle und Dosierung zusammenkommen. Alles andere ist ein unkalkulierbares Risiko.

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