
©Daniel Pinho
Der Vagus-Nerv wird oft als „Beruhigungsnerv“ bezeichnet. Tatsächlich geht er auch als Verbindungsnerv durch, da er Gehirn und Körper miteinander verbindet. Darüber hinaus spielt der zehnte Hirn-Nerv eine wichtige Rolle für Atmung, Herzschlag, Verdauung, Immunprozesse sowie für unser Erleben von Sicherheit und sozialer Verbundenheit. Besonders spannend sei, sagt Isabelle Meid, Resilienz-Trainerin mit einer Praxis in Estenfeld, dass der größte Teil der Informationen über den Vagus-Nerv vom Körper zum Gehirn fließt: „Unser Gehirn erhält also fortlaufend Rückmeldungen darüber, wie es dem Körper geht und ob eher Sicherheit oder Gefahr wahrgenommen wird. Der Vagus-Nerv sei deshalb weniger ein „Entspannungsschalter“ als vielmehr Teil eines komplexen Systems, das uns hilft, flexibel zwischen Aktivierung, Erholung und Verbindung zu wechseln. Viele Menschen würden sich bei Stress als „zu empfindlich“, „nicht belastbar genug“ oder „falsch“ fühlen. Die Polyvagal-Theorie lade zu einer anderen Sichtweise ein, so Meid. Sie besagt: „Unsere Zustände sind keine Fehler, sondern sinnvolle Reaktionen unseres Nervensystems“. Das könne sehr entlastend sein. Denn wenn wir verstehen, was in uns passiert, müssen wir nicht mehr sofort etwas an uns „reparieren“. Stattdessen könnten wir uns mit etwas mehr Neugier und Mitgefühl begegnen. Oft entstünde allein dadurch schon mehr Handlungsspielraum. Die Polyvagal-Theorie zeige, dass unser Nervensystem auf Grundlage früherer und aktueller Erfahrungen ständig bewertet, ob eher Sicherheit oder Gefahr vorliegt: „Diese Bewertungen laufen überwiegend unbewusst ab und beeinflussen, wie wir fühlen, denken, handeln und mit anderen Menschen in Kontakt treten“. Innere Freiheit bedeute aus ihrer Sicht nicht, immer ruhig und entspannt zu sein. Sie zeige sich vielmehr darin, auch in schwierigen Momenten den Kontakt zu sich selbst nicht zu verlieren. „Mal brauchen wir Energie und Durchsetzungskraft, mal Ruhe, Rückzug oder die Unterstützung anderer Menschen. Je flexibler unser Nervensystem zwischen diesen Möglichkeiten wechseln kann, desto größer wird unser Handlungsspielraum.“ Es gehe deshalb weniger darum, bestimmte Bereiche zu aktivieren, sondern darum, uns selbst in unterschiedlichen Zuständen besser begleiten zu können. Lebenslinie hat nun die Coachin gefragt, was denn die beste Übung für innere Freiheit und Entspannung ist … Ihre Antwort: „Die beste Übung gibt es nicht!“ Nervensysteme seien so individuell wie wir Menschen selbst. Entscheidend sei weniger die Methode als die Frage: Was hilft mir gerade? Für manche Menschen sei es hilfreich, die Füße bewusst auf dem Boden zu spüren und sich im Raum zu orientieren. Für andere könne der Kontakt zu einem vertrauten Menschen dabei unterstützen, mehr Sicherheit und Verbundenheit zu erleben. Auch Atmen könne eine Hilfe sein. Durch all das entstehe Raum zwischen Reiz und Reaktion – und damit Handlungsspielraum und innere Freiheit.
Wer verschiedene Übungen ausprobieren möchte, findet über diesen Link eine Auswahl einfacher Impulse für den Alltag.