Als Heilkunde noch ein Handwerk war

Prof. Sabine Schlegelmilch leitet seit Oktober 2025 das Institut für Geschichte der Medizin der Universität Würzburg

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Wer sich im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit die Schulter ausgerenkt oder die Säge in die Hand gejagt hatte, ging nicht unbedingt zu einem Arzt (Ärztinnen gab es zu der Zeit noch nicht). Hilfe suchte die Bevölkerung in solchen Notfällen eher beim Bader, Barbier oder Chirurgus. Diese kümmerten sich um die Versorgung von Wunden, zogen Zähne, setzten Schröpfköpfe und wagten sich teilweise sogar an schwierigere Operationen wie beispielsweise die Beseitigung von Blasensteinen. Dafür hatten sie eine Ausbildung durchlaufen, ähnlich wie Handwerker mit Gesellenzeit und Meisterbrief, und waren so wie diese in Zünften organisiert. Im Unterschied dazu hatten Ärzte eine akademische Ausbildung durchlaufen. Im Studium an Universitäten in Bologna, Paris oder Würzburg hatten sie die Werke antiker Autorinnen und Autoren wie Galen und Hippokrates gelesen und sich viel theoretisches Wissen angeeignet. Ihre praktische Erfahrung war hingegen oft gering, da das Studium kaum klinische Praxis beinhaltete. Trotzdem genossen sie in der Regel hohes Ansehen bei Adel, Klerus und städtischen Eliten. Die ärztliche Praxis und die Medizingeschichte der Frühen Neuzeit sind Forschungsschwerpunkte von Professor Sabine Schlegelmilch. Nach dem Referendariat am Gymnasium ist sie 2009 an das Institut für Geschichte der Medizin der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) ­gekommen. Seit dem 1. Oktober 2025 leitet sie es. In Zukunft möchte Schlegelmilch den Fokus der Forschung am Institut neu ausrichten – weg von den akademisch ausgebildeten Ärzten, hin zu den handwerklich organisierten Berufen, zu denen neben Badern und Chirurgen beispielsweise auch Hebammen und kräutersammelnde Frauen zählen. „In diesem Bereich ist noch wenig geforscht worden, obwohl deren Tätigkeit den medizinischen Alltag in der frühen Neuzeit bestimmte“, sagt sie. Außerdem passe dies gut zu den neuen Studienangeboten der Medizinischen Fakultät: dem Studium der Hebammen- und der Pflegewissenschaft, für die Schlegelmilch auch Lehrveranstaltungen anbietet. 

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