Zu viele Pillen?

Natalie Preiß, Fachärztin für Neurologie und klinische Altersmedizin in Lohr, über Medikamentengabe im Alter

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Wenn ältere Menschen in die Akutgeriatrie kommen, bringen sie oft lange Medikamentenlisten mit. Manchmal stehen darauf zehn, 15 oder sogar 20 Präparate. „Polymedikation ist im Alter wirklich schwierig“, sagt Natalie Preiß, Fachärztin für Neurologie und klinische Altersmedizin am Klinikum Main-Spessart in Lohr am Main. Die Chefärztin der Geriatrie betont: „Wir wollen nicht untertherapieren, aber wir wollen auch nicht übertherapieren. Das ist die Gratwanderung.“ Problematische Polypharmazie macht sie nicht an einer starren Zahl fest, sondern spricht dann davon, „wenn Nebenwirkungen auftreten oder die Medikation mehr belastet als nutzt“. In der Klinik wird deshalb jede Verordnung überprüft: Warum nimmt der Mensch dieses Medikament? Gibt es eine klare Indikation? Und ist es unter den aktuellen Voraussetzungen noch sinnvoll? Die Zahlen würden zeigen, wie groß das Thema sei, betont die Ärztin. Obwohl nur rund 22,4 Prozent der gesetzlich Versicherten 65 Jahre und älter seien, entfielen 55,9 Prozent aller verordneten Arzneimittel auf diese Gruppe. Fast jede dritte Person über 65 Jahre nehme fünf oder mehr Medikamente ein, ab 80 Jahren sei es nahezu jede oder jeder zweite. „Zehn Medikamente am Tag sind nicht selten“, berichtet Preiß aus eigener Erfahrung. Entscheidend für die Abwägung sei für sie der individuelle Blick. Chronische Erkrankungen wie eine koronare Herzkrankheit (KHK), Diabetes oder Parkinson bedingen oft mehrere Präparate. Gleichzeitig fragt sie: Wie ist die Lebenserwartung? Wie stabil ist die Gesamtsituation? Und könnten neue Beschwerden wie Schwindel oder Verwirrtheit mit der Medikation zusammenhängen? Denn der alternde Körper reagiert anders. „Im Alter nimmt der Fettanteil zu, das Körperwasser wird weniger“, erklärt Preiß. Lipophile Medikamente reichern sich stärker an und wirken länger, wasserlösliche erreichen schneller höhere Spiegel. Hinzu kämen veränderte Nieren- und Leberfunktion sowie eine erhöhte Empfindlichkeit des Nervensystems. Studien mit Hochbetagten seien noch immer zu selten, so die Expertin. Symptome wie Stürze, Schwindel oder kognitive Einbußen werden häufig dem Alter zugeschrieben. Dabei können sie Nebenwirkungen sein. Besonders hellhörig wird Preiß, wenn Beschwerden kurz nach Beginn der Medikamenteneinnahme oder Wechsel eines Medikaments auftreten. Dann gilt: prüfen, nicht bagatellisieren. Kritisch sieht sie bestimmte Wirkstoffgruppen, die als potenziell inadäquate Medikamente gelten. In Deutschland listet die Priscus-Liste 221 Wirkstoffe auf. Laut AOK-Daten erhalten 47,6 Prozent der Versicherten mindestens einmal jährlich ein solches Präparat. „Aber nicht jede Verordnung ist automatisch falsch“, betont sie. Einnahmedauer, Dosis und Indikation seien entscheidend. Nichtmedikamentöse Maßnahmen wie Bewegung, Gewichtsreduktion oder psychotherapeutische Angebote könnten helfen, die Medikamentenzahl zu senken. „Bewegung ist wichtig“, sagt Preiß. Doch bei hochbetagten, multimorbiden Menschen lasse sich nicht alles kompensieren. Medikamente seien oft notwendig, Alternativen müssten individuell geprüft werden. Besonders sensibel ist das Absetzen langjähriger Präparate. „Viele sagen: Das habe ich schon immer genommen“, berichtet sie. Veränderungen brauchen Erklärung, Zeit und Einbindung der Angehörigen. Ihr Appell ist klar: „Nie eigenmächtig absetzen, immer das Gespräch suchen!“ Denn gute Medikation im Alter ist kein Automatismus, sondern ein gemeinsamer Prozess.

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