Wenn das Auge „irrt“

... oder: Realität entsteht im Gehirn. Im Gespräch mit Professor Dr. Michael Bach über optische Täuschungen

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Prof. Dr. Michael Bach arbeitet in der Sektion funktionelle Sehforschung und Elekrophysiologie des Universitätsklinikums Freiburg. In seiner Freizeit beschäftigt er sich mit optischen Täuschungen. Foto: Ruth Hamilton

Ein Chirurg fokussiert sein Operationsfeld beispielsweise bei einer Hüft-OP, das meist von reichlich rotem Blut umgeben ist. Schaut er zwischendurch kurz auf eine weiße Fläche im OP, so sieht er weiterhin die Hüfte, wenn auch in der Komplementärfarbe.

Dies sei, laut dem Freiburger Sehforscher Professor Michael Bach, ein Beispiel für optische Täuschung. Man sehe etwas, das gar nicht da ist, weil auf der Netzhaut ein Nachbild von einem länger fokussierten Seheindruck verbleibe, der in Folge ein Phantombild schaffe. Die Nachwirkung des Netzhautbildes bezeichnet die Wahrnehmungspsychologie als entoptischen Eindruck.

Hier „irrt“ das Auge. In den meisten anderen Fällen von optischer Täuschung ist das Gehirn „schuld“: „Optische Täuschungen haben ihre Mechanismen selten im Auge“, sagt der Professor der Sektion funktionelle Sehforschung und Elektrophysiologie der Freiburger Universitäts-Augenklinik.

„Die meisten entstehen im Gehirn. Unser Gehirn, speziell unser Sehzentrum, hat die Aufgabe aus unvollständiger Information eine ‚innere Welt‘ zu rekonstruieren. Das geht eigentlich gar nicht, daher greift der Wahrnehmungsapparat auf Erfahrungen (evolutionäre und eigene) zurück und vermutet immer das Wahrscheinlichste. Das kann gelegentlich fehlgehen.“

Das Bild trügt

In diesem Sinne seien optische Täuschungen keine Fehlleistungen des Gehirns, sondern würden die normalerweise großartige Wahrnehmungsleistung aufzeigen, die halt ab und zu schief gehe. Das zeige aber auch, dass wir uns auf unsere Wahrnehmung nicht hundertprozentig verlassen könnten (Augenzeugenberichte), so der promovierte Hirnforscher.

Und obwohl Michael Bach auf dem Gebiet der Sehforschung zur Weltspitze gehört, beugt er sich der Bezeichnung „optische“ Täuschung, obgleich diese streng genommen meist nicht zutrifft: „Optische Täuschungen sind Situationen, wo wir etwas sehen, das ‚bei näherer Betrachtung‘ nicht mit dem Sachverhalt übereinstimmt. ‚Optisch‘ bezeichnet im engeren Sinn Phänomene wie Fata Morganen, Regenbögen, Doppelsonnen, Mouches volantes oder Ähnliches, alle anderen Erscheinungen sind ‚visuelle‘ Täuschungen.“ Doch der Begriff „optische“ Täuschung habe sich so eingebürgert, dass es schwer sei, daran zu rütteln.

Subjektive Optik

Was hingegen eindeutig feststeht, ist die Tatsache, dass optische Täuschungen eine rein subjektive Angelegenheit sind. Dennoch würden fast alle Täuschungen von fast allen Menschen sehr ähnlich wahrgenommen (Ausnahme: wenn der kulturelle Hintergrund mitwirkt), so der gebürtige Berliner.

Bei Kindern seien bestimmte Größentäuschungen manchmal schwächer und bei Älteren manchmal Bewegungstäuschungen weniger ausgeprägt. Aber alles in allem unterliegen alle Menschen den gleichen „Irrtümern“. Wahrnehmung ist eigentlich ein Konstrukt. Das Auge sieht nur einen kleinen Ausschnitt der Welt und das Gehirn erfindet den Kontext dazu.

Dieses Phänomen findet andauernd automatisch statt. Und es geht erstaunlich selten schief: „Eigentlich ist unser gesamtes Sehen eine optische Täuschung“, betont der renommierte Wissenschaftler Bach, der seit rund 20 Jahren eine der weltweit meistbesuchten Websites zum Phänomen der optischen Täuschung unterhält (www.michaelbach.de/ot/).

Damit ist die aus „Beobachtungsstudien“ (entbehren jeder wissenschaftlichen Relevanz*) von Frauen hervorgehende Meinung, dass Männer besser sehen als denken können, ein für alle Mal widerlegt. Denn sowohl Männer als auch Frauen sind, wenn sie im selben Zug sitzen, der Meinung, dass sich dieser fortbewegt, obwohl sich lediglich der Zug am Nachbargleis in Bewegung gesetzt hat. Das habe damit zu tun, dass sich im Gesichtsfeld etwas bewege und etwas anderes nicht, so der studierte Physiker.

Und wenn man im Zug sitze, könne das Gehirn nicht einschätzen, ob man sich selbst bewege oder der Nachbar. „Und dann nimmt das Gehirn den größeren Bereich als stationär an und meldet: Ich bewege mich!“ Eine perfekte visuelle Illusion!

*Diese beruhen auf dem alten Witz: „Warum müssen Frauen eher hübsch als klug sein? Weil Männer besser sehen als denken können!“

Das Interview mit Sehforscher Prof. Dr. Michael Bach führte Lebenslinie-Chefredakteurin Susanna Khoury.

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