Steuer- und Entscheidungszentrale

Prof. Dr. Jens Volkmann über das Organ, das das Menschsein ausmacht: das Gehirn

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„Wenn wir uns nicht ausreichend und aktiv intellektuell fordern, kann das gerade im Alter den Abbau der Hirnleistung vorantreiben“, warnt der Parkinson-Experte Prof. Dr. Volkmann. Foto: Universitätsklinikum Würzburg

Es ist die Schaltzentrale unseres Körpers, die Schnittstelle zwischen Innen und Außen, ein riesiger Computer, der Leistungen vollbringen kann, die keiner technischen Erfindung bis dato möglich sind. Es ist aber auch der Sitz der Intelligenz, des Bewusstseins und des Empathievermögens.

„Es ist das Organ, das das Menscheinsein ausmacht“, sagt Professor Jens Volkmann, Direktor der Neurologischen Klinik und Poliklinik des Universitätsklinikums Würzburg. Die Rede ist vom menschlichen Gehirn: ein intensiv erforschtes und doch nicht in allen Teilen verstandenes Wunderwerk, das unsere Einzigartigkeit in der Natur begründet.

Etwa 100 Milliarden Gehirnzellen, die mehr als 100-billionenfach untereinander verknüpft sind, bilden unser Denkorgan, das als Teil des zentralen Nervensystems in unserem knöchernen Schädel sitzt. Etwa zwei Fäuste groß und circa 1,5 Kilogramm schwer, ist es über unzählige Nervenbahnen mit dem Organismus verbunden. Es besteht aus mehreren Abschnitten, die unterschiedliche Aufgaben übernehmen: So steuert der Hirnstamm beispielsweise die grundlegenden Lebensfunktionen wie Herzschlag, Atmung und Reflexe, der Thalamus verarbeitet Sinneseindrücke und der Hypothalamus regelt Hunger- und Durst-Gefühle, den Schlaf-Wach-Rhythmus, den Sexualtrieb sowie das Schmerz- und Temperaturempfinden.

„Vereinfacht gesagt, empfängt das Gehirn Reize der Sinnensorgane, interpretiert ­diese und setzt sie in Handlungen um“, erklärt Professor Volkmann die sehr komplexen neurologischen Vorgänge. Die Steuerungsaufgaben und die Entscheidungsprozesse, die das Gehirn übernimmt, seien dabei im Laufe der Evolution immer anspruchsvoller geworden.

„Die Entwicklung der Sprache ist eine besondere Leistung, da sie Grundlage für Kultur ist“, so der 50-Jährige Mediziner. Wie kein anderes Lebewesen könnten wir unsere Umwelt in ganz besonderem Ausmaß gestalten. Auch dass wir uns in andere hineinfühlen und das Verhalten anderer voraussagen können, mache uns einzigartig. „Nicht zu vergessen unser soziales Gewissen: Im Dienste einer Gruppe stellen wir eigene Interessen und Bedürfnisse zurück – ein solches Verhalten kennen wir in der Tierwelt in dieser Form nur von Menschenaffen.“

Foto: ©depositphotos.com/@ZeninaAsya

Funktionsweise und Fähigkeiten unseres Gehirns sind evolutionsbedingt: „Biologisch ist es auf das menschliche Leben vor tausenden von Jahren als Jäger und Sammler in Kleingruppen adaptiert“, stellt der gebürtige Velberter fest. Dementsprechend kritisch sieht er die veränderten Anforderungen, die in den letzten 100 Jahren durch Industrialisierung und Digitalisierung unserer Gesellschaft an unser Gehirn gestellt werden – auf die Evolution bezogen, eine sehr kurze Zeitspanne.

„Aus den vielen Informationen, die täglich auf uns einströmen, muss unser Gehirn die relevanten herausziehen. Unwichtiges wird wieder vergessen. Smartphone, Internet und Co. waren da nicht vorgesehen“, so Professor Volkmann. Den Millionen Eindrücken, denen wir heute ausgesetzt sind, sei das Gehirn nicht immer gewachsen. Deshalb sei auch der Schlaf so wichtig, der unserem Gehirn als Konsolidierungsphase für relevante Erinnerungen diene.

„Doch diesen wichtigen Prozess blockieren wir zunehmend. Durch ungesundes Schlafverhalten, unsere ständige Verfügbarkeit und die allgegenwärtige Mediennutzung.“ Dem gegenüber stehe die Gefahr der Unterforderung, da der Mensch dank technischer Lösungen nicht mehr kreativ beansprucht sei.

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