Neue Möglichkeiten, neue Verletzlichkeit

Die Ethik der Pflege im digitalen Zeitalter – Ein Denkanstoß von Professor Dr. Arne Manzeschke

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Die Vernetzung von immer mehr elektronischen Geräten und Menschen führt zu neuen Erfahrungs- und Handlungswelten, sagt Professor Dr. Arne Manzeschke. Foto: © Andrea Wismath

„Ethik ist eine Wissenschaft. Sie befasst sich mit dem menschlichen Handeln“, sagt die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)*. „Ethische Fragen nach dem Guten und Bösen, nach dem richtigen Leben, nach den sittlichen Werten haben für das Zusammenleben der Menschen große Bedeutung.“

Pflege ist in dieser Hinsicht ein aufgeladener Bereich. Und so wichtig, „dass wir das Thema breit in der Gesellschaft vorantreiben müssen“, sagt Arne Manzeschke, Professor für Anthropologie und Ethik für Gesundheitsberufe und Leiter der Fachstelle für Ethik und Anthropologie im Gesundheitswesen an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Im Rahmen der Tagung „Die digitalisierte Pflege: Forum zur Mensch-Technik-Interaktion“ der Akademie für Politische Bildung Tutzing in Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit Schweinfurt, gab der Experte bereits Ende letzten Jahres Denkanstöße mit auf den Weg, wie wir mit den neuen Möglichkeiten und Herausforderungen umgehen sollten.

Etwas Neues, so stellt der Theologie-Professor heraus, sei Digitalisierung nicht. Das zeige ein Blick in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Entscheidend sei jetzt und in Zukunft der Aspekt der Vernetzung („Internet of Things“). Die Dimensionen sind gewaltig. Bis 2020, so seine Schätzung, werden rund 50 Milliarden digitale Geräte miteinander verbunden sein. Riesige Datenmengen entstehen. Im Jahr 2020 werden wir es mit etwa 40 Zeta-Byte zu tun haben. Gleichzeitig wird sich die Summe der Internetadressen erhöhen. Manzeschke spricht von gut 340 Sextillionen Adressen – „mehr Adressen als es Atome auf der Erde gibt“.

Die Folgen sind einschneidend: Es entstehen neue, digitale, virtuelle, augmentierte, adaptive Welten und damit eine „andere Erfahrungsgrundlage“. „Wir dringen in Dimensionen vor, die wir kapazitätsmäßig nicht mehr umreißen“, sagt der Fachmann. Zudem habe man es in dieser neuen Welt nicht mehr mit simplen Maschinen zu tun.

„Technische Systeme entwickeln sich immer mehr von reinen Werkzeugen zu kooperativen Interaktionspartnern“.** Doch was bedeutet das? Roboter werden zu „social companions“, unterstützen im Haushalt, in der Pflege oder Rehabilitation, helfen als Sinnesassistenten, im Monitoring von Vitaldaten oder als Organersatz. Sie sind vernetzt mit uns, mit Kliniken oder anderen Institutionen. Dies schafft Erleichterungen, aber auch Erpressungspotenzial, wenn man etwa an „hacking“ denkt.

„Neue Möglichkeiten stehen hier einer neuen Verletzlichkeit gegenüber. Damit müssen wir lernen, umzugehen“, sagt der Präsident der Europäischen Forschungsgesellschaft für Ethik. Ziel der Ethiker sei es, die Urteilsfähigkeit zu stärken. Der Kern der Pflege sei klar. Ein Mensch ist von der Not des anderen angerührt und wird tätig. Es gelte jedoch zwischen „Hilfe“ – von Mensch zu Mensch – und „Assistenz“ – technische Simulation und Substitution von Hilfe – zu unterscheiden. „Assistenz schafft neue Umwelten“, so Manzeschke.

Es stellt sich für ihn die interessante Frage: „In welcher Ebene von Wirklichkeit befinden wir uns?“ Warum, das liegt für den Professor auf der Hand. Sie entstehe vor allem dadurch, dass solche Assistenzsysteme auch Virtualität mit sich führen könnten und deshalb nicht immer gewährleistet sei, dass die am Pflegeprozess beteiligten Personen eine Wirklichkeitsebene teilten. „Auch hier könnte man sagen: Das kennen wir schon im Umgang mit kognitiv desorientierten oder wahnhaft kranken Menschen – aber da sind es dann eben Störungen, die bearbeitet respektive mitbedacht werden müssen. Im Falle eines soziotechnischen Arrangements wird diese Verschiebung jedoch willentlich herbeigeführt.“

Für Professor Manzeschke ergeben sich auch normative Überlegungen: In den helfenden Berufen ist das Moment der zwischenmenschlichen Beziehung prekär geworden. Die Wiederentdeckung dieses Moments gelingt seines Erachtens am ehesten, wenn wir uns als leibliche Wesen verstehen. Das heißt, Würde, Autonomie und Wohlergehen sind an die Erfahrungen unserer selbst in unserer körperlichen Konstitution gebunden. Technik wird aber häufig als Widerspruch zu Leiblichkeit und Menschlichkeit verstanden. Gibt es überhaupt eine rein menschliche Zuwendung ohne Technik? Ist Technik nicht immer mitzudenken?

„Wie kann Technik also so konzipiert und ein- gesetzt werden, dass sie der Leiblichkeit und Hilfsbedürftigkeit des Menschen entspricht und ihn nicht davon entfernt?“

Der abschließende Appell des Experten ist zugleich als Mahnung zu verstehen, wenn er sagt: „Es braucht eine breite Verständigung darüber: Wohin soll es gehen?“

Quelle: * http://www.bpb.de/nachschlagen/lexi- ka/das-junge-politik-lexikon/161061/ethik, ** https://www.bmbf.de/foerderungen/bekanntma- chung-908.html

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