Die Guten ins Töpfchen…

Schmerzpatientin Henriette N. (50) über ihr Leben mit Migräne

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Foto: ©depositphotos.com/@Karuka

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Henriette N. (Name von der Redaktion geändert) hat seit 28 Jahren Migräne. Vor 13 Jahren hat die neurologische Erkrankung bei der heute 50-Jährigen ihren Höhepunkt erreicht: an nur noch drei bis vier Tagen im Monat war Henriette schmerzfrei und konnte arbeiten, die übrige Zeit hatte sie Kopfschmerzen jeglichen Ausmaßes von mehrtägigen schlimmen Anfällen bis leichteren Migränekopfschmerzen ohne Erbrechen.

Die Folge: Sie wurde teilerwerbsunfähig eingestuft und errang den Status der Schwerbehinderten (zu 50 Prozent). Ihre aufstrebende Karriere musste sie ad acta legen, und auch finanziell bedeutete das, für die damals 37-Jährige, Einschränkungen.

Schmerz-Ventil

Wenn die Migräne anfängt, kann Henriette N. nur noch die Rollos in ihrem Schlafzimmer herunterlassen und liegen. Die unerträglichen Kopfschmerzen sind begleitet von starker Übelkeit, Erbrechen, Schweißausbrüchen und Schüttelfrost. Hinzukommt noch Geräusch- und Lichtempfindlichkeit.

„Ich habe schon vor lauter Schmerzen die Tapete über meinem Bett mit den Fingernägeln abgekratzt. Manchmal weiß ich mir nicht mehr anders zu helfen, und der Schmerz sucht sich ein Ventil in irgendeiner, wenn auch absurden, Aktion“, so die studierte Germanistin. In jungen Jahren (ihren ersten Migräneanfall hatte sie mit 22) dachte sie: „Ich gehe zum Arzt, bekomme etwas gegen die Schmerzen, und gut ist es“.

Heute weiß sie: „Richtig gut wird es mit den Schmerzen nie, aber man kann lernen, damit gut zu leben!“ Ihr derzeitiger „Status Quo“ von Migräneattacken: „Alle drei bis vier Wochen eine.“ Henriette ist trotz jahrzehntelanger chronischer Schmerzen ein durch und durch positiver Mensch. Nach dem Motto, wenn man die Dinge nicht ändern kann, dann müsse man seine Einstellung dazu ändern…!

Austherapiert

Dennoch hat sie nichts unversucht gelassen, etwas gegen die Migräne zu unternehmen: von Kernspinnuntersuchungen und EEGs, um Schlimmeres auszuschließen, stationäre und ambulante Aufenthalte in Schmerzkliniken, selbstredend die Einnahme aller gängigen Migränemittel auf dem Markt bis hin zu der Teilnahme an einer Migränestudie, bei der ihr Anti-Epileptika verabreicht wurden.

Nicht zu vergessen etliche Sitzungen bei Neurologen, Psychologen und Verhaltenstherapeuten. „Irgendwann musste ich feststellen, Heilung gibt es für mich anscheinend nicht, da die Migräneforschung einfach noch nicht so weit ist.“

Leben im Moment

Was sie aber aus der Verhaltenstherapie mitgenommen habe, sei das Leben im Moment, das Feiern der guten Tage, die es ja durchaus auch gäbe: „Die guten Tage ohne Schmerzen genieße ich doppelt, weil sie ja für die schlechten mit reichen müssen!“

Henriette N. lebt schon mehr als die Hälfte ihres Lebens mit oft unerträglichen Schmerzen und verfährt daher nach dem Motto: die Guten ins Töpfen, die Schlechten ins Kröpfchen. Parallel dazu hat sie aber auch alle gängigen Verfahren der Naturheilkunde und Alternativmedizin getestet, um nichts unversucht gelassen zu haben.

Von Homöopathie über Bachblüten, Kinesiologie, Osteopathie und Nahrungsergänzungsmitteln bis hin zu TCM, Hypnose und sogar eine Heilerin. Derzeit nimmt sie nur noch Triptane (bei einer schweren Attacke) und trinkt eine eigens für sie zusammengestellte chinesische Teemischung, macht Entspannungsübungen und ist achtsam gegenüber sich und der Umwelt.

Die Schmerzen und ihre Migräne konnte ihr bisher keiner nehmen, aber den Lebensmut auch nicht: „Wenn man den Feind nicht besiegen kann, muss man ihn zum Freund machen“, sagt Henriette. Und damit lebt sie ganz gut – wie gesagt an guten Tagen… !

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