
©Marc Hanson
Es mag überraschend klingen: Doch für die Erholung des Gehirns nach einem Schlaganfall ist nicht nur entscheidend, dass behandelt wird, sondern vor allem wo und wie. Moderne Stroke Units und sogenannte Comprehensive Stroke Units schaffen den Rahmen, in dem das Gehirn seine Fähigkeit zur Neuorganisation nach einem Schlaganfall entfalten kann. Darüber hat die Lebenslinie mit Professor René Handschu, Facharzt für Neurologie mit den Zusatzbezeichnungen Intensivmedizin sowie Geriatrie, gesprochen. Der Chefarzt der Neurologischen Klinik am Leopoldina-Krankenhaus Schweinfurt betont: „Eigentlich gehört jeder Mensch nach einem Schlaganfall auf eine Stroke Unit.“ Eine besondere Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Transit-Stroke-Netzwerk Nordwestbayern. Als Zentrumsklinik unterstützt das Leopoldina-Krankenhaus kleinere Kliniken telemedizinisch – 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. So kommen Erfahrung und Entscheidungskompetenz genau dort an, wo sie gebraucht werden. Die Klinik ist die einzige Einrichtung im Raum Schweinfurt, die über eine solche zertifizierte Spezialabteilung verfügt. Über 1.000 Patientinnen und Patienten werden hier Jahr für Jahr behandelt. Und das in besonderem Umfang. Denn die Stroke Unit ist ein Ort der Konzentration: mit Monitoring, speziell geschultem Pflegepersonal und einem multiprofessionellen Team aus Neurologie, Kardiologie, Therapie (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie) und Neuropsychologie. Vor mehreren Jahrzehnten war das noch undenkbar. Heute macht das Miteinander den Unterschied. „Der entscheidende Faktor ist der Teamansatz. Die Menschen arbeiten hier zusammen und verfolgen das gleiche Ziel.“ Das macht Sinn, betont der Professor. Studien1 würden zeigen, dass Patientinnen und Patienten nach einer Behandlung auf der Stroke Unit häufiger selbstständig bleiben und seltener nach dem Vorfall dauerhaft auf Hilfe angewiesen sind. Dabei geht es nicht allein um Zeitdruck. „Ich arbeite nicht mehr mit Zeitfenstern“, betont Handschu, selbst Mitglied im Zertifizierungsausschuss der Deutschen Schlaganfallgesellschaft. Im besten Falle sollte die gesamte Behandlung so früh wie möglich starten. Frühzeitige Überwachung, Stabilisierung und funktionelle Therapie bilden die Basis – und damit den Nährboden für die Neuroplastizität. Doch was heißt das? Neuroplastizität beschreibt die Fähigkeit des Gehirns, sich neu zu organisieren. Gefördert werde diese im Wesentlichen durch funktionelle Therapie oder Frührehabilitationstherapie, also Physio-, Ergo- und Neurotherapie. Entscheidend sei die Wiederholung. Und später der Alltag. Hier kommt die Comprehensive Stroke Unit ins Spiel. Sie sorgt für einen sanften Übergang von der Akutphase in die Rehabilitation. Und dann beginnt ein Weg, der Geduld verlangt. Die Parole des Chefarztes lautet: „Das Gehirn lernt, was wiederholt wird.“ Auch später seien Fortschritte möglich – mit Motivation, Unterstützung und Vertrauen. Oder, wie Handschu es zusammenfasst: „Nicht aufgeben, weil es nie zu spät ist.“
Quelle: 1www.cochrane.org/evidence/CD000197_organised-inpatient-stroke-unit-care?utm_source=chatgpt.com
