Sie lieben, beteuern Eltern, alle ihre Kinder gleichermaßen, und das zu hören tut natürlich gut. In Familien, wo ein Kind behindert ist, stellt sich dieses Gefühl allerdings nicht immer ein. Viel Aufmerksamkeit muss auf das behinderte Kind verwandt werden. Der Sohn oder die Tochter ohne Beeinträchtigung fühlt sich deshalb oft zurückgesetzt. Übersehen. Wie gar nicht richtig da. Was Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter haben kann. Stefanie Gregg schreibt davon in ihrem Roman „Das Glaskind”. Ist ein Kind behindert, bedeutet das zum Beispiel, ständig Termine bei Ärztinnen oder Ärzten und Therapeutinnen oder Therapeuten wahrnehmen zu müssen. Allein dadurch geraten die Bedürfnisse der nicht behinderten Geschwister leicht außer Acht. Weil dies immer wieder vorkommt, richtete die Lebenshilfe in Schweinfurt eine Geschwisteranlaufstelle ein. Hierhin können sich betroffenen Familien hinwenden. Einmal im Vierteljahr begegnen sich die unbeeinträchtigten Geschwisterkinder. Das nächste Treffen findet am 17. Oktober statt. „Dann machen wir einen Ausflug nach Erlangen”, berichtet Beraterin Annika Dietz. Ist die Behinderung eines Kindes gravierend und darum beherrschend in der Familie, sollten Eltern ihren nicht behinderten Geschwistern gut erklären, worin das Handicap genau besteht und welche Konsequenzen dies hat. Sonst komme schnell das Gefühl von Zurücksetzung auf. Dietz erzählt von einem Mädchen, dessen schwerbehinderter, auch kognitiv eingeschränkter Bruder nur dann gefüttert werden könne, wenn der Fernseher läuft. Eigentlich sei Fernsehen bei den Mahlzeiten in dieser Familie tabu gewesen, doch im Falle des Jungen wurde das TV-Gerät quasi behelfsmäßig eingesetzt. Ohne diese Ablenkung aß das Kind einfach nicht. Als der Schwester die Hintergründe noch nicht klar waren, fühlte sie sich benachteiligt. Sie selbst musste immer am Tisch essen. Nie durfte sie bei den Mahlzeiten eine Serie schauen. Wie man mit solchen Situationen umgehen kann, erläutert Annika Dietz bei einem Vortrag am 12. November um 18 Uhr in den Offenen Hilfen der Lebenshilfe Schweinfurt (Gorch-Fock-Straße 13). Alle sind willkommen. Man muss kein Mitglied der Lebenshilfe sein. Die Auswirkungen dieser besonderen familiären Konstellation, dass ein Kind behindert ist, beschränken sich nicht nur auf die Kindheit. Ältere Geschwister quält oft die Frage, wie sie mit dem Bruder oder der Schwester mit Handicap umgehen sollen, können sich die Eltern altersbedingt nicht mehr kümmern. Auch hier hat die Fachfrau ein konkretes Beispiel aus ihrer Anlaufstelle: „Zwei Schwestern berichteten, dass ihr behinderter Bruder wünschte, später bei ihnen wohnen zu dürfen.” Doch sollten sie wirklich tun, was der Bruder von ihnen verlangte? Mit dieser Frage setzten sich die zwei intensiv auseinander: „Letztlich konnten sie sich das nicht vorstellen.” Damit sei eine für den Bruder bittere Entscheidung getroffen worden. Er würde in ein Wohnheim ziehen müssen. Doch für die zwei Schwestern sei es gut gewesen, diese Grenze zu ziehen.
Stefanie Gregg: Das Glaskind, Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2024,
ISBN 978-3-7466-4117-1, Preis: 13 Euro, www.aufbau-verlage.de