Worte schaffen Wirklichkeit

Literatur– und Kulturwissenschaftlerin Professor Ulla Kriebernegg über Sprache, die unser Bild vom Alter prägt

0

„Silver Tsunami“, „graue Flut“, „Totholz“ – kaum eine Bevölkerungsgruppe wird mit so drastischen Bildern beschrieben wie alte Menschen. „Ein Begriff wie ,Silver Tsunami‘ beschreibt ältere Menschen als Naturkatastrophe. Solche Sprachbilder sind nicht harmlos, sondern prägen unsere Vorstellungen, unsere Politik, unsere Ressourcenverteilung und letztlich das Generationenverhältnis“, sagt Professor Kriebernegg. Sprache sei für die Literatur– und Kulturwissenschaftlerin weit mehr als ein Mittel zur Beschreibung der Wirklichkeit. Sie beeinflusse, wie wir über das Alter denken – und damit auch, wie Politik, Medien und Gesellschaft Hochbetagten begegnen. Gerade in gesellschaftlichen Debatten werden vielleicht auch deshalb Rentnerinnen und Rentner häufig entweder als Belastung oder ausschließlich als besonders verletzliche Bevölkerungsgruppe dargestellt. Beides greife zu kurz. Ihre Forschung und die Frage, wie Sprache unseren Blick auf das Alter prägt, stellte Kriebernegg auf dem gemeinsamen Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) vom 23. bis 26. September  in Frankfurt am Main vor. Um festgefahrene Altersbilder aufzubrechen, richtet Kriebernegg den Blick auf die Literatur. Romane und Erzählungen zeichnen häufig differenziertere Bilder des Alterns als politische oder mediale Debatten. Während Margaret Atwoods Erzählung „Torching the Dusties“ überspitzt darstellt, wie ältere Menschen zu Sündenböcken gesellschaftlicher Krisen werden, erzählt Leonora Carringtons Roman „The Hearing Trumpet“ von alten Frauen, die mit Lebenserfahrung, Verantwortungsbewusstsein und Solidarität Zukunft aktiv mitgestalten. „Literatur zeigt uns, dass ältere Menschen weder Täter noch bloße Opfer sein müssen. Sie eröffnet einen Raum, in dem wir gemeinsam darüber nachdenken können, wie alle Generationen Zukunft gestalten.“ In ihrer Keynote analysierte Professor Kriebernegg zunächst die Sprachbilder, die Politik, Medien und Gesundheitswesen über das Alter verwenden. Anschließend stellte sie ihnen literarische Perspektiven gegenüber und zeigte, dass über das Alter differenzierter erzählt werden kann, ohne ältere Menschen als Bedrohung oder ausschließlich als hilfsbedürftig darzustellen. Ihre zentrale Botschaft: Sprache und Geschichten beschreiben Wirklichkeit nicht nur – sie gestalten sie. Wer bewusster über das Alter spricht, trage dazu bei, Vorurteile abzubauen und ältere Menschen als das wahrzunehmen, was sie sind: Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten, Kompetenzen und Perspektiven. Quelle: Jahreskongress von DGG und DGGG, Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a. M., September 2026, Keynote: Prof. Dr. Ulla Kriebernegg: „Silver Tsunamis, Gray Tides and Dead Wood: Cultural Gerontological Perspectives on Aging, Climate Change and Vulnerability“

Share.