Lebenslinie (LL): Orthopädische Fußvermessung ist eine präzise Methode, um Form, Größe, Weite, Druckverteilung des Fußes zu erfassen. Wie wird hier vorgegangen?
Matthias Endres (ME): „Es gibt im Prinzip drei verschiedene Optionen. Früher hat man einen sogenannten Blauabdruck und einen Schaumabdruck gemacht. Das heißt, die Patientin oder der Patient ist auf einen Blauabdruckkasten gestiegen und über diese Druckverhältnisse am Fuß hat sich das Fußbild ergeben. Und dann hat man mit einem Stift noch den Umriss festgehalten. Schlussendlich hat man die Patientinnen und Patienten noch in einen Trittschaum geschickt. Die Geschichte mit dem Trittschaum, das macht man heute teilweise immer noch, weil das eine sehr genaue oder präzise Abbildung vom Fuß an sich ist. Dieser Trittschaumabdruck wird dann entweder mit Schaum, Gips oder mit einem anderen Material ausgegossen. Und darüber wird dann ein Leisten erstellt, über den die Einlage oder der Schuh passgenau gefertigt wird.“
LL: Aber das ist nur der erste Schritt. Wie geht es dann weiter?
ME: „Wir haben in allen Anprobe-Maßkabinen einen Fußscanner in den Boden eingebaut. Dieser Scanner fährt einmal über die Fußsohle und scannt diese ab. Dann hat man einen exakten Abdruck des Fußes ‚plantar‘, also ‚von unten‘. Mit diesen statischen Daten kann eine konventionelle Einlage exakt gefertigt werden.“
LL: Für die Erstellung eines orthopädischen Maßschuhs reicht das aber noch nicht aus … richtig?
ME: „Richtig! Hier braucht es eine 3D-Vermessung. Da haben wir mittlerweile auch mehrere Scan-Systeme im Einsatz, die den Fuß oder auch das ganze Bein vermessen und dann eine Datei erstellen. Und über diese Datei kann man dann einen Leisten fräsen oder fertigen lassen oder auch drucken.“
LL: Damit der Schuh nicht irgendwo drückt, gibt es weitere Messsysteme, welche?
ME: „Da gibt es die sogenannte Pedographie. Das sind Druckmessplatten oder, wie bei uns, dünne Messsohlen mit Funksender, die in den Schuh eingelegt werden und während des Gehens die Druckverhältnisse im Schuh analysieren. Diese dynamischen Daten sind besonders in der Versorgung von Diabetikerinnen und Diabetikern wichtig. Diese dürfen auf keinen Fall Druckstellen am Fuß bekommen, können oft aber wegen einer vergesellschafteten Polyneuropathie Druck nicht oder nicht gut spüren.“
LL: Die Pedographie erhebt die dynamischen Daten, der Scan die statischen. Und wie ermittelt man die Fußstellung?
ME: „Die Fußstellung ergibt sich zum einen aus dem Fußscan. Wenn man auf der Platte steht, sehen die Orthopädie-Schuh-Technikerinnen und -Techniker schon, wie die Belastung ist, ob eher nach innen oder nach außen. Und dann kommt noch das ‚Palpieren‘ der Füße hinzu. Also die Expertinnen und Experten nehmen den Fuß in die Hand und schauen, wie ist die Mobilität des Fußes, gibt es eine Versteifung, gibt es eine Bewegungseinschränkung im unteren, im oberen Sprunggelenk, sind die Zehen beweglich, gibt es da vielleicht eine Einschränkung oder schon eine Fehlstellung. Einen Fersensporn etwa kann man eigentlich nur durch Ertasten lokalisieren.“
LL: Welche Probleme kann man durch so eine professionelle Fußvermessung lösen oder korrigieren. Und welche Beschwerden kann man lindern?
ME: „Eine Vermessung an sich ist ja nichts anderes als ein Röntgenbild bei der Ärztin oder dem Arzt. Mit einem Röntgenbild an sich kann man auch nichts verbessern, aber man weiß jetzt, wo oder was das Problem ist. Und so ist es auch in der Schuh-Orthopädie. Nach den Messungen, weißt man wo der ‚Schuh drückt‘ und man kann die Problematik zum Beispiel über eine Schuhzurichtung, also über etwas, das man am getragenen Schuh verändert, lösen. Das kann etwa ein Höhenausgleich sein bei unterschiedlich langen Beinen. Oder vielleicht über eine Polsterung oder eine Abrollhilfe, die in den Schuh eingearbeitet wird.“
LL: Das kann man am Konfektionsschuh verändern, um diesen tragfähiger zu machen. Bei einer diagnostizierten Fußfehlstellung hilft das aber nicht weiter, oder?
ME: „Fußfehlstellungen haben massiv Einfluss auf das ganze Körperskelett. Wenn das Fundament des Körpers nicht stimmt oder nicht geradesteht, kann man oberhalb auch nicht mehr ausgleichen. Das zieht sich durch wie ein Bogen. Und daher fängt man an den Füßen an, stellt diese erst einmal gerade. Das veranlasst in der Regel eine Entlastung auf Knie und Hüfte. Und gerade auch Höhendifferenzen haben massiv Auswirkungen auf die Wirbelsäule. Hier helfen Einlagen oder als Ultima Ratio oftmals nur der gefertigte Maßschuh.“
LL: Es gibt die drei Leitsätze in der Versorgung: „Stützen, Dämpfen, Führen“. Woher weiß man, was für welche Patientin oder welchen Patienten das Richtige ist?
ME: „Wenn jemand etwa eine sehr starke Arthrose in den Knien oder in der Hüfte hat, dann ist für den zum Beispiel der dämpfende Faktor sehr wichtig. Auch bei einem Fersensporn ist das so. Führung im Schuh braucht jemand, der zum Beispiel eine extreme Kniefehlstellung hat. Hier kann die Unterstützung im Schuh das Knie in eine Art Nullstellung bringen, um eben einen achsengerechten Knieabrieb wiederherzustellen.“
LL: Und das geht wirklich nur über eine Einlage im Schuh?
ME: „Nicht nur, aber damit kann man schon sehr viel bewirken. Wenn natürlich die Fehlstellung am Knie sehr extrem ist, dann kann es sein, dass man zusätzlich eine Knieorthese braucht, um das Knie wieder besser aufzurichten. Aber in der Regel muss man am Fuß anfangen, damit sich am Knie oder in der Hüfte etwas verändert.“
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