Wer hat das noch nicht erlebt: Man weinte sich bei jemandem aus. Danach schwanden die Probleme. Die Zweifel. Die Sorgen. Zumindest ein bisschen. Das kommt nicht von ungefähr. „Psychologisch dient Weinen der emotionalen Entlastung”, sagt Psychiater Dr. Christoph Rupprecht, Leiter der Trauma-Ambulanz im Bezirkskrankenhaus Lohr. Was das Weinen anbelangt, sind Menschen völlig unterschiedlich. Die einen neigen nur in sehr geringem Maße dazu, Tränen zu vergießen. Sie sind beherrscht. Sagen gar von sich: „Ich weine nie.” Andere scheinen nah am Wasser gebaut. Sie weinen, jedenfalls nach Ansicht von Außenstehenden, bei geringstem Anlass. Wer weinen kann, hat in gewisser Weise Glück. Denn weinen, so der Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie, helfe, Gefühle zu verarbeiten: „Es kann das Nervensystem regulieren und zur Wiederherstellung von Ruhe und Gleichgewicht beitragen.” Als Leiter einer Trauma-Ambulanz hat es Dr. Rupprecht beruflich häufig mit weinenden Menschen zu tun. Vor ihm sitzen Männer und Frauen, denen Schreckliches widerfuhr. Manche hatten einen schlimmen Unfall. Ein großer Teil seiner Patientinnen und Patienten sind Opfer sexualisierter Gewalt, nicht selten in der frühen Kindheit. In den Therapiestunden vergießen sie laut dem Trauma-Therapeuten „emotionale Tränen“. Die sind durch das Nervensystem sowie hormonell gesteuert und helfen, Stresshormone auszuscheiden: „Damit tragen sie zur Stressbewältigung bei.” Weinen ereignet sich in ganz unterschiedlichen Situationen. Man weint für sich alleine. Im stillen Kämmerlein. Man weint, wenn man sich von anderen getrennt fühlt. Wenn man einsam ist. Oder über einen schlimmen Verlust nicht hinwegkommt. Geweint wird allerdings oft auch vor anderen Menschen. Dann kommt die soziale Funktion des Weinens zum Tragen. „Sozial fungiert Weinen als Kommunikationsmittel, das anderen signalisiert, dass Unterstützung benötigt wird”, erläutert der Chefarzt. Weinen fördere in diesen Situationen Mitgefühl, es stärkt soziale Bindungen und kann Menschen durch gemeinsame emotionale Erlebnisse näher zusammenbringen. Gerade „emotionale Tränen” können das Verhalten von Menschen in vielerlei Hinsicht begleiten. Jedes starke Gefühl, so Christoph Rupprecht, könne Tränen fließen lassen. Menschen weinen also nicht nur, weil sie traurig sind. Auch Schmerz bringt zum Weinen. Viele Menschen kennen aber auch Freudentränen. In jedem Fall würden Tränen helfen, den durch die starken Gefühle hervorgerufenen Stress beziehungsweise Stresshormone wie Cortisol abzubauen. Dr. Rupprecht hält es für prinzipiell der Mühe wert, sich näher mit dem Tränenfluss zu befassen. Emotionale Tränen seien nämlich alles andere als nur Wasser: „Sie enthalten Stresshormone sowie Kalium und Mangan.“ Tränenflüssigkeit besitze aber auch antibakterielle Eigenschaften: „Weinen hat darum auch physiologische Funktionen wie den Schutz und die Reinigung der Augen.“ Die „basalen“ im Gegensatz zu „emotionalen“ Tränen halten das Auge feucht, schützen und nähren es. Schließlich existieren noch „Reflextränen“: „Sie entstehen durch Reizungen wie Rauch oder Fremdkörper und helfen ebenfalls, das Auge zu reinigen.“
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Weinen schützt, reinigt & entlastet
Tränen sind nicht nur für die Psychohygiene das Mittel der Wahl
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