Umarmungen sind eine gute, wundervolle Möglichkeit, Stress abzubauen. „Außerdem aktivieren sie Oxytocin, was ein Gefühl von Sicherheit, Verbundenheit und Beruhigung erzeugen kann”, sagt Pierre-Carl Link. Entscheidend sei allerdings nicht die Umarmung als bloße „Technik“. Von großer Bedeutung sei eine feinfühlige, präsente Haltung, betont der Züricher Professor für Erziehung und Bildung im Feld sozio-emotionaler und psychomotorischer Entwicklung, der bis 2018 an der Uni Würzburg tätig war. Laut dem früheren wissenschaftlichen Mitarbeiter am Würzburger Lehrstuhl für Pädagogik bei Verhaltensstörungen könnten Umarmungen helfen, Affekte zu bündeln und Ängste zu mindern. Außerdem unterstützten sie die emotionale Regulation. Dies geschehe allerdings nur unter einer bestimmten Voraussetzung, so der Experte für psychoanalytische Pädagogik: „Umarmungen müssen als willkommen erlebt werden.“ Die Frage der Freiwilligkeit sei aus ethischer Sicht höchst bedeutsam. Umarmungen sollten keine Einbahnstraße sein. Privat nicht und schon gar nicht im professionellen Kontext: „Sie dürfen zum Beispiel niemals der Bedürfnisbefriedigung von Fachpersonen dienen.” Prinzipiell dürfe körperliche Nähe nie erzwungen werden. „Sie entfaltet ihre Wirkung nur dann, wenn sie im Einklang mit den Grenzen, den Bedürfnissen und dem Tempo des anderen steht“, so Professor Link. Für die meisten Menschen sind Nähe und sozialer Kontakt von großer Bedeutung. Darauf machen laut Link auch „Hugging Days“ oder „Free Hugs Campaigns“ aufmerksam. Am 21. Januar fielen sich beispielsweise wieder viele Menschen beim „Weltknuddeltag“ in die Arme. Gerade öffentliche Umarm-Aktionen sieht der Forscher kritisch: „‚Hugging Days‘ bergen Risiken.“ Aus pädagogischer, therapeutischer und ethischer Sicht seien sie problematisch: „Solche Aktionen können leicht sozialen Erwartungsdruck erzeugen. Wer nicht umarmt werden möchte, kann sich schnell schuldig, unsozial oder ‚schwierig‘ fühlen“, so der bis heute mit dem Würzburger Alumni-Büro vernetzte Schweizer. Im Alltag werden normalerweise auserwählte Menschen umarmt. Man käme in der Regel nie auf die Idee, der Bäckereiverkäuferin um den Hals zu fallen. Oder seinem Chef. Oder der Nachbarin. Das wäre nicht nur befremdlich, sondern übergriffig. Während Kinder, die liebevoll von ihrem Papa, ihrer Mama oder den Großeltern umarmt werden, dadurch die Botschaft erhalten: „Ich bin für dich da!“, sollte man außerhalb des engeren Familien- und Freundeskreises vorsichtig sein mit Umarmungen. Gerade öffentlich angebotene Umarmungen, warnt Professor Link, könnten individuelle Grenzen oder sogar traumatische Vorerfahrungen übergehen. Im schlimmsten Fall seien Retraumatisierungen möglich. Ob Umarmungen zwischenmenschliche Bindungen verstärken oder nicht, das könne nach seiner Ansicht nicht pauschal beurteilt werden. „Entscheidend sind Achtsamkeit, Freiwilligkeit, Einvernehmen und ein waches Bewusstsein für die eigene Wirkung, denn manchmal kann bereits ein Blick grenzüberschreitend sein“, so der ehemalige Mönch. Gerade in der professionellen Arbeit mit Menschen, vor allem Kindern, brauche es Sensibilität: „Auch wohlgemeinte Nähe kann als übergriffig erlebt werden.“ Als Betroffener wisse er persönlich, wie verletzend und wie folgenreich missbräuchliche oder nicht eingegrenzte Berührungen sein können.
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Warum der „ Hug “ ambivalent ist
Ehemaliger Forscher aus Würzburg beschäftigt sich damit, wann Umarmungen guttun und wann nicht
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