Wenn Menschen von einer Krise sprechen, geht es in erster Linie nicht um objektive Parameter. „Ein krisenhafter Zustand kann jeden Menschen in jeder Lebensphase betreffen“, sagt Diplom-Psychologe Dr. Philippe T. Pereira. Entscheidend sei nicht das Ereignis selbst, sondern die subjektive Bewertung jedes Einzelnen. „Die herkömmlichen Lebensbewältigungsstrategien reichen dann nicht mehr aus. Man fühlt sich überfordert, hilflos und erlebt die Situation nicht selten auch als bedrohlich“, so der Leiter des Psychologischen Dienstes am Krankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatische Medizin Schloss Werneck. Eine Krise ist also kein „medizinisches Etikett“, sondern ein individueller Kipppunkt im Leben. „Nicht jede Situation ist für jeden Menschen gleich krisenhaft“, erklärt Dr. Pereira. Was den einen kaum erschüttert, könne für einen anderen das Gefühl auslösen, den „Boden unter den Füßen“ zu verlieren. Krisenintervention setzt genau hier an. Sie ist eine zeitlich begrenzte, professionelle Unterstützung in akuten psychischen Ausnahmesituationen. „Es geht darum, Menschen durch eine Phase zu begleiten, in der sie es allein nicht mehr schaffen“, so der Experte. Auf einer Kriseninterventionsstation, wie sie auch in Werneck existiert, werden Betroffene stabilisiert, entlastet und wieder handlungsfähig gemacht. Ein stationärer Aufenthalt sei, so Dr. Pereira weiter, dann angezeigt, wenn ambulante Hilfe nicht mehr ausreicht. Häufig handle es sich um akute Belastungsreaktionen oder Anpassungsstörungen. Ziel sei es auch, möglichen destruktiven Bewältigungsversuchen wie etwa durch Alkoholkonsum entgegenzuwirken. Die Hauptziele einer Krisenintervention sind wiederum klar umrissen: Stabilisierung, Orientierung und Schutz. „Am Anfang geht es oft nur darum, jemanden wieder zu erden“, erklärt er. Erst später könne es um Neuorientierung gehen. Manche Menschen erkennen in der Krise auch eine Zäsur beziehungsweise eine Chance zur Weiterentwicklung: „Jetzt will ich wieder etwas aus meinem Leben machen!“ Doch Krisenintervention habe auch Grenzen. Wenn sich etwa eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt oder Suizidalität im Vordergrund steht, brauche es weiterführende, oft längerfristige Behandlung. „Dann reichen Gespräche oder ein kurzer Aufenthalt nicht mehr aus“, sagt Dr. Pereira. Für die Mehrheit ende der Aufenthalt mit der Rückkehr in den Alltag. „Wir haben ein umfassendes Entlassmanagement“, betont er. Ob Angehörigengespräche, ambulante Therapie- oder tagesklinische Angebote – der nächste Schritt werde individuell geplant. Wichtig zu wissen: Die Entscheidung für eine Krisenintervention muss nicht immer allein getroffen werden. Angehörige, Hausärztinnen und -ärzte oder medizinisches Fachpersonal können den Anstoß geben. Bei Selbst- oder Fremdgefährdung sei auch eine Aufnahme gegen den Willen des Betroffenen möglich. „In akuten Krisen zählt jeder Tag“, betont der Psychologe. Hilfe früh anzunehmen, könne entscheidend sein.
Stabilisierung, Orientierung & Schutz
Diplom-Psychologe Dr. Philippe T. Pereira erklärt, wie Krisenintervention funktioniert
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