Wenn Martin Beyer über Geschichten spricht, geht es ihm in erster Linie nicht um Literaturbetrieb oder Dramaturgie. Es geht um Situationen, in denen Sprache versagt. „Ganz am Anfang stehen persönliche Erfahrungen“, sagt er im Gespräch mit der Lebenslinie. „Da fehlen die Worte, fehlt der Rahmen, man wird davon überfallen.“ Er erinnert sich insbesondere an eine Situation, in der innerhalb des eigenen Umfelds eine Krebserkrankung Thema wurde. Aus der daraus resultierenden Sprachlosigkeit entstand sein neues Buch „11 ist eine gerade Zahl“. „Es ist ein dunkel schimmernder, aber zugleich auch hoffnungsvoller Roman über eine besondere Mutter-Tochter-Bindung“, so Beyer. „Katja, alleinerziehende Lehrerin, ringt mit Angst und Schuld, während ihre 14-jährige Tochter Paula damit fertigwerden muss, dass eine schwere Krankheit zurückgekehrt ist – sie ist an einem Osteosarkom, einer seltenen Krebsart erkrankt.“ Vor und nach einer Operation schenkt die Mutter ihrer Tochter und sich selbst Halt mit einer märchenhaften Erzählung über einen Fuchs, ein Mädchen und einen Schatten – „eine Hommage an die Kraft der Fantasie und des Erzählens in der Tradition der Geschichten aus ‚Tausendundeiner Nacht‘.“ Das Erzählen schafft Nähe, Struktur und einen Raum, in dem Angst, Schuld und Hoffnung einen Ausdruck finden. Gleichzeitig verbindet der Roman eine nüchterne Krankenhauswirklichkeit mit einer poetischen Erzählebene und zeigt, wie Geschichten helfen können, eine existenzielle Krise gemeinsam zu tragen. Auch für Beyer ist das Buch weniger Ergebnis als Prozess. Er bezeichnet das Schreiben als einen Weg, sich dem Unaussprechlichen zu nähern. „Damit versuche ich Zimmer wieder aufzuschließen, die ich eigentlich abgesperrt habe.“ Zentral ist dabei für ihn das Erzählen selbst. „Für mich ist die heilsame Kraft der Geschichten immer stärker spürbar geworden“, sagt Beyer. Diese Kraft habe gerade nichts mit Verdrängung zu tun. „Natürlich dürfen Geschichten auch eine Flucht sein. Aber sie können auch ganz unbewusst Bilder und Worte für etwas schaffen, das vorher sprachlos war.“ Um dieser Wirkung näherzukommen, suchte der Autor den Kontakt zur Praxis. Er besuchte die Kinderklinik des Universitätsklinikums Erlangen, sprach mit Ärztinnen und Ärzten, Psychologinnen und Psychologen. Auch pädagogische Expertise holte er ein. „Der stellvertretende Klinikdirektor und Abteilungsleiter der Onkologie und Hämatologie, Professor Dr. Markus Metzler, hat sich viel Zeit genommen“, erinnert er sich. Besonders prägend war für ihn der Austausch mit Marion Müller, der pädagogischen Leiterin des Hauses und ausgebildeten Märchenerzählerin. Nicht nur sie habe ihn darin bestätigt, dass nicht nur Kinder auf Kraftquellen wie den Teddy oder eben auch Märchen zurückgreifen. Für Beyer wirkt das Erzählen in beide Richtungen. „Sowohl das Geschichten-Erzählen als auch das Zuhören“, sagt er. „Beides hat eine Kraft.“ Vielleicht liegt darin die leise Stärke dieses Buches. Nicht in dem, was es erzählt, sondern in dem, was es ermöglicht: Nähe, Vertrauen, Resonanz. Oder, wie Beyer es formuliert: „Dass man sich nicht allein fühlt.“
Martin Beyer: Elf ist eine gerade Zahl, Ullstein Buchverlage, Friedrichstraße 126, Berlin 2025, ISBN: 9783471360859, Preis: 22,99 Euro, www.ullstein.de
