Leben ist keine Ware!

Die Debatte um die Missio-Geburtsstation wurde zum Prüfstein für Solidarität und Daseinsvorsorge in Unterfranken. Lebenslinie im Gespräch mit Landrat Thomas Eberth

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©Norbert Schmelz

Auf der Missio-Geburtsstation (Klinikum Würzburg Mitte, KWM) kommen jedes Jahr über 2.000 Kinder zur Welt. Der Rekord lag 2021 bei fast 2.500 Geburten – mehr als in jeder anderen Klinik der Region. Erst 2021 wurde mit Fördermitteln des Bundes in Höhe von 3,5 Millionen Euro die Missio-Geburtshilfe durch einen Sectio-OP und einen Kreißsaal mit Nebenräumen in einem zweigeschossigen ­Anbau erweitert. Seit letztem Jahr gibt es neben dem ärztlich geleiteten Kreißsaal das neue und in der Folge stark frequentierte Angebot, in einem hebammengeleiteten Kreißsaal zu entbinden. Hört sich alles nach einer Erfolgsgeschichte an, die es ja auch ist! Nur wirtschaftlich gesehen nicht. Die Missio-Geburtsstation fährt rund 2,8 Millionen Euro Defizit im Jahr ein. Und so stand kürzlich ihre Schließung im Raum, da der Träger, die Juliusspitalstiftung, das Defizit nicht mehr schultern könne. Im Lebenslinie-Gespräch mit dem Landrat des Landkreises Würzburg, Thomas Eberth, räumt dieser offen ein, dass auch er – wie viele andere, etwa die Stadt Würzburg – beim ersten Hilferuf des KWM zur Missio-Geburtsstation im Jahr 2024 abgewinkt habe. „Klinikfinanzierung ist Aufgabe des Bundes und der Kassen, nicht der Kommunen!“ Als sich die Situation um die Missio-Geburtshilfe 2025 verschärfte und eine schnelle Umsetzung der Lauterbach’schen Krankenhausreform durch die neue Regierung – also in den nächsten zwei bis drei Jahren – nicht absehbar war, ergriff er die Initiative: Er berief runde Tische ein und prüfte die Landkreisordnung. „Diese besagt nämlich, dass Landkreise und kreisfreie Städte im Rahmen ihrer Leistungsfähigkeit etwa für Kliniken und Hebammenvorsorge zuständig sind“, so Eberth. In der Folge gab es noch viele Diskussionen, viele runde Tische und Streitgespräche. „Am Ende wurde am 15. Dezember 2025 einstimmig im Kreistag beschlossen, zwei Tage später auch im Stadtrat, dass die kommunalen Gebietskörperschaften (die Landkreise Würzburg und Main-Spessart und die Stadt Würzburg) gemessen an der Anzahl ihrer Geburten prozentual das Defizit der Missio-Geburtsstation tragen, sprich insgesamt rund 1,8 Millionen Euro“, berichtet der Landrat. „Die Landkreise haben sich für die nächsten drei Jahre verpflichtet hier in die ‚Bütt‘ zu gehen, die Stadt zunächst nur für 2026“, so Thomas Eberth. „Die Debatte, ob wir die Geburtsstation des Klinikums Würzburg Mitte retten, war keine einfache – weder im Stadtrat noch im Kreistag. Am Schluss hat das Argument gesiegt: Es geht hier um unsere Frauen und unsere Familien, und die können sonst nirgendwo hin. Meine Kinder wurden auch im Missio geboren. Und wir müssen eigentlich jedem, der ­heutzutage ein Kind kriegen möchte, sagen: Wir legen dir nicht nur υ υ  einen, sondern zwei rote Teppiche aus. Denn Kinder sind unsere Zukunft“, so der Landrat. „Wir investieren als Gemeinden Millionen für eine Kleinkindbetreuung, für eine Drei- bis Sechs-Regelbetreuung, wir investieren Millionen in Schulen und Horte, in Mittagsbetreuung, in Freizeitangebote … Und die Geburt wollen wir sterben lassen? Was für grotesker Unsinn! Aus diesem Grund fördern wir jetzt die Missio-Geburtsstation, weil wir jedes Kind dringend brauchen!“ Die Entscheidung, betonen alle Seiten, sei eine Überbrückungshilfe, kein Strukturversprechen. „Wir sind sowohl mit Judith Gerlach in Bayern als auch mit Nina Wagen in Berlin im Austausch, sodass es mit der Geburtshilfe im KWM auch nach den drei Jahren weitergeht“, betont Eberth. Jurist und Philosoph Professor Heribert Prantl hielt beim Ethiktag 2024 im Würzburger Uniklinikum ein feuriges Plädoyer für ein menschenzentriertes Gesundheitswesen und gegen eine „Verbetriebswirtschaftlichung“ der Medizin (Lebenslinie berichtete 2024/1). Er mahnte an, dass auf allen Ebenen „Rationalisierung statt Ratio“ um sich greife, alles am Lineal der Ökonomie gemessen werde und König Midas Repräsentant unserer Zeit sei. Leben dürfe nicht zur Ware, geschweige denn auf dem Altar der Rentabilität geopfert werden. Die Debatte um die Missio-Geburtsstation wurde hier zum Prüfstein für Solidarität und Daseinsvorsorge in Unterfranken. Zum Glück hat in diesem Fall die Ratio gesiegt!

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