Die ältere Dame wohnte im zweiten Stock. Nach einem Schlaganfall war an selbstständiges Treppensteigen nicht mehr zu denken. Der Einkauf? Nicht machbar. „Aber genau das war ihr Wunsch – wieder rausgehen, wieder selbst für sich sorgen“, erzählt Samuel Baubkus, Fachlicher Leiter der Ergotherapie-Abteilung im Therapiehaus Ludwigstraße in Würzburg. Stück für Stück arbeiteten sie gemeinsam daran: mit gezieltem Gleichgewichtstraining, Stuhlpausen auf jeder Etage mit kleinen Erfolgen und viel Geduld. „Am Ende schaffte sie, die Treppen wieder zu meistern und vor die Tür zu gehen.“ Eine kleine Erfolgsgeschichte und gleichzeitig ein großer Schritt zurück in ein selbstbestimmtes Leben. „Viele Menschen verbinden mit Ergotherapie ganz unterschiedliche Dinge“, sagt Baubkus. Für ihn ist Ergotherapie „eine ganzheitlich ausgerichtete Therapieform“, die Menschen mit körperlichen, psychischen oder kognitiven Einschränkungen darbei unterstützt, wieder alltagstauglich zu werden – oder zu bleiben. Das Spektrum reicht von Kindern mit ADHS und Störungen in der Grafomotorik über Patientinnen und Patienten mit Handverletzungen oder Schienenversorgung, Long-Covid-Patientinnen und -patienten bis hin zu Seniorinnen und Senioren mit Demenz oder nach einem Schlaganfall. „Das Tolle an der Ergotherapie ist, dass sie alle drei Bereiche anspricht und damit den Alltag ganzheitlich verbessern kann.“ Ob es also das Ziel ist, wieder Treppen zu steigen, ein Navi zu verstehen oder trotz Depressionen eine Tagesstruktur zu finden – immer geht es um alltagspraktische Fähigkeiten. „Wir schauen genau hin: Was kann der Mensch noch? Was braucht er? Und dann trainieren wir gezielt.“ Das geschieht nicht losgelöst vom Alltag, sondern ganz konkret ausgerichtet auf Beruf, familiäre Situation oder Wohnumfeld. Ob jemand allein lebt, Angehörige pflegt oder Kinder betreut – all das beeinflusst den Therapieansatz. Was hilft, wird gemacht. Vom Gedächtnistraining mit PC-Programmen über Collagen-Gestaltung bis hin zur Vibrationstherapie mit Geräten wie dem Novafon. „Am liebsten arbeiten wir mit Alltagsgegenständen – weil sie greifbar sind und sofort einsetzbar“, sagt Baubkus. Auch kreative Arbeiten oder handwerkliche Techniken kommen zum Einsatz – nicht um zu basteln, sondern um Selbstwirksamkeit zu erleben. Und: „Wenn Angehörige oder Pflegepersonal mit einbezogen werden, wirkt die Therapie oft nachhaltiger – sie erleben Aha-Momente, entdecken neue Wege und helfen mit, dass das Erlernte auch zu Hause umgesetzt wird.“ Ergotherapie ist Teamarbeit. Im Therapiehaus Ludwigstraße arbeiten Ergo-, Physio- und Sprachtherapeutinnen und -therapeuten sowie Osteopathinnen und Osteopathen eng zusammen. „Wir sprechen uns regelmäßig ab – gerade bei unserer neuen Intensivtherapie, bei der die Patientinnen und Patienten über einen Zeitraum von zwei bis vier Wochen täglich verschiedene Therapieeinheiten bekommen. Das ist fast wie eine ambulante Reha.“ Wer eine ergotherapeutische Behandlung in Erwägung zieht, dem rät Samuel Baubkus: „Geduld. Nicht sofort Ergebnisse erwarten. Es geht um kleine Schritte, die Großes ermöglichen.“ Und die Zukunft? Sie wird digitaler. Mit VR-Brillen, Weiterentwicklungen des Neurofeedback und sogar Teletherapie – etwa per Videochat. „Gerade auf dem Land kann das ein Gewinn sein“, ist der Ergotherapeut überzeugt. Überhaupt sei Ergotherapie seines Erachtens aufgrund der Alltagsbezogenheit immer ein Thema – auch in der digitalen Zukunft. Für die Dame im zweiten Stock war es jedenfalls die klassische Form, die half und ihr bereits nach wenigen Monaten wieder mehr Lebensqualität und Unabhängigkeit verschaffte. Ein Meilenstein mit Auswirkungen nicht nur auf ihr Leben …
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