Die stille Gefahr

Prof. Stephan Kanzler, Facharzt für Innere Medizin, über die Fettleber und ihre Tücken

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Am 12. Juni fand der globale Fettleber-Tag statt. Das Ziel seit 2018: Das öffentliche Bewusstsein für die Dringlichkeit sogenannter Steatotischer Lebererkrankungen (SLD) schärfen. Denn SLD und ihre Spätfolgen sind laut dem Global Liver Institute „eine verborgene globale Epidemie“, welche bis 2030 schätzungsweise 357 Millionen Menschen betreffen wird. Schon heute sind es laut der Deutschen Leberhilfe 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung in den Industrienationen. Die Krux: Die Leber leidet still. „Die Symptome sind sehr unspezifisch: Müdigkeit, Abgeschlagenheit, Konzentrationsstörung“, zählt Professor Stephan Kanzler, Chefarzt der Medizinischen Klinik2 am Leopoldina-Krankenhaus in Schweinfurt, auf. Erst in fortgeschrittenen Stadien würden dem Internisten zufolge Bauchschmerzen oder Komplikationen wie Bauchwasser oder Blutungen auftreten. Doch was ist eine Fettleber? „Sie entsteht, wenn sich überflüssige Kalorien – vor allem aus Zucker und Fett – in der Leber ablagern.“ Der „harmlose“ Beginn: Die Leberzellen (Hepatozyten) nehmen Fetttröpfchen auf, die der Körper nicht mehr verarbeiten kann. Die Leber, durch die jede Minute rund eineinhalb Liter Blut fließen, wird zum Speicherort. In Industrieländern ist der häufigste Auslöser ein ungesunder Lebensstil. Professor Kanzler fasst zusammen: „Die üblichen Verdächtigen sind Bewegungsarmut, Übergewicht und Diabetes Mellitus Typ 2.“ Denkbar seien auch Begleiterscheinungen anderer Erkrankungen wie Zöliakie oder Medikamente wie unter anderem Tetrazykline. Darüber hinaus könnten genetische und hormonelle Einflüsse eine Rolle spielen. Auch Alkohol sei ein Risikofaktor – schon geringe Mengen könnten langfristig die Leber schädigen. Die Erkrankung entwickelt sich schleichend und in mehreren Stadien. Der Arzt beschreibt die Bandbreite: „Von der einfachen Fettleber (Steatose) über die Fettleberentzündung (Steatohepatitis) bis hin zum Endorganschaden – sprich Leberfibrose und -zirrhose.“ Während die einfache Fettleber häufig reversibel sei, könne eine entzündete und vernarbte Leber lebensbedrohlich werden, warnt der Gastroenterologe. Mit bildgebenden Verfahren in der Diagnostik  lasse sich nicht nur der Fettgehalt, sondern auch die Gewebeelastizität gut bestimmen – beides seien wichtige Hinweise auf den Krankheitsverlauf. Biopsien seien kaum mehr nötig. Aber wie das Ruder herumreißen? „Am Anfang steht die Information über die Zusammenhänge und eine vernünftige Ernährungsberatung“, so Professor Kanzler. Wer konsequent Gewicht reduziere – etwa durch mediterrane Ernährung oder Intervallfasten – könne die Leberverfettung deutlich zurückdrängen. Auch Kaffee zeige laut Studien positive Effekte. Daneben kämen auch Medikamente zum Einsatz. Präparate wie Semaglutid oder neu entwickelte Wirkstoffe wie Resmetirom zielten auf die Reduktion der Leberfettmenge ab und würden auch bei entzündlichen Verläufen helfen. Dennoch bliebe die nachhaltigste Methode die eigene Verhaltensänderung. „Die Heilungschance ist gegen 100 Prozent“, betont Professor Kanzler mit Blick auf frühe Stadien der Erkrankung. Sei die Leber bereits vernarbt, könnten Schäden dauerhaft bleiben und im schlimmsten Fall eine Transplantation notwendig machen. Der Arzt stellt daher abschließend klar: „Die Fettleber ist keine Bagatelle, sondern eine still wachsende Gefahr – oft über Jahre unbemerkt. Mittlerweile hat sie sich zur häufigsten Ursache für Lebertransplantationen in westlichen Ländern entwickelt.“ Umso wichtiger sei es, rechtzeitig gegenzusteuern. Denn: „Kaum eine andere chronische Erkrankung ist so gut beeinflussbar.“  

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