Das geht an die Nieren

Dieter Höger, Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie, über die Gicht

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©Christian Horn

Was haben König Heinrich VIII. und Benjamin Franklin gemein? Richtig, sie waren Staatsmänner. Aber sie litten auch unter Gicht. Der eine kämpfte mit einer Reihe von Gesundheitsproblemen, der andere ließ die Erkrankung in seine Memoiren einfließen. „Gicht ist eine Stoffwechselerkrankung. Bei ihr tritt vermehrt Harnsäure im Blut auf (Hyperurikämie)“, erklärt Dieter Höger, Facharzt für Innere Medizin und Nephrologie, an der Juraklinik Scheßlitz. Die Folge dieser erhöhten Harnsäurekonzentration ist die Bildung von winzigen Harnsäurekristallen, die sich in den Gelenken, Schleimbeuteln und Sehnen ansammeln und entzünden können. Eine schmerzhafte Angelegenheit: Denn bei einem akuten Gichtanfall ist das entzündete Gelenk nicht nur geschwollen, sondern auch druckempfindlich, überwärmt, gerötet oder sogar bläulich verfärbt. „Selbst ein Bettlaken wird dann nicht mehr toleriert“, weiß der erfahrene Mediziner. Typische Gichtfinger mit aufgeplatzten Gelenken und Eiter seien heute jedoch sehr selten. Eines ist aber immer noch typisch: Die Erkrankung beginnt meist mit heftigen Schmerzattacken (akute Gichtarthritis) in der Nacht oder am frühen Morgen an einem einzigen Gelenk – oftmals dem Großzehen-Grundgelenk (Podagra). Allerdings können auch Sprung- und Kniegelenke, das Daumengrundgelenk oder der Mittelfuß betroffen sein. Begleitet sei ein solcher Anfall in der Regel von Fieber, einer Erhöhung der weißen Blutkörperchen und einer Erhöhung der Blutsenkung. „Meistens klingen die Beschwerden nach drei Tagen wieder ab.“ Überwiegend entstünde Gicht aus einer ungünstigen Ernährung heraus. Doch ist Gicht „nur“ eine Frage des Lebensstils? „Nicht selten liegt ein Ernährungsproblem zugrunde“, so Dieter Höger einleitend. Denn Harnsäure entstehe beim Abbau von Purinen aus der Nahrung. Besonders viel davon stecke in Innereien, Fleisch und Wurst. Auch Alkoholkonsum sei problematisch. Auf der anderen Seite spiele die erbliche Vorbelastung eine Rolle.  Dazu gesellen sich weitere Risikofaktoren. Dieter Höger denkt vor allem an Diabetes und Nierenleiden. Das Alter spiele ebenfalls eine Rolle. „Je älter man wird, desto mehr neigt man dazu. Warum? Seniorinnen und Senioren trinken meist zu wenig.“ Höger warnt: „Das Risiko eines Gichtanfalls steigt mit zunehmender Höhe der Harnsäure.“ In seltenen Fällen lägen auch andere Ursachen wie Tumorerkrankungen vor. Männer seien dem Experten zufolge häufiger betroffen. „In den Wohlstandsländern haben circa 20 Prozent eine Hyperurikämie. Bei Frauen steigt die Harnsäure dank versiegender Östrogene meist erst nach der Menopause an.“ Die Verteilung läge bei neun zu eins. Die Symptome zu ignorieren, sei nicht ratsam. „Die Folgen sind Gelenkschäden, die das Laufen erschweren, oder Deformitäten, die etwa das Greifen schwieriger machen.“ Zudem gebe es ein erhöhtes Risiko für Nierensteine und sogar einer Niereninsuffizienz. So weit muss es aber nicht kommen. „Gicht ist sehr gut erkenn- und behandelbar“, sagt der Arzt. Bildgebende Verfahren und ein Blutbild, manchmal auch eine Punktion des Gelenks, geben Aufschluss über die Erkrankung, die anschließend via medikamentöser Therapie (zum Beispiel Ibuprofen oder Diclofenac, begleitend zum Beispiel mit Colchicin und in der Dauermedikation etwa mit Allopurinol) behandelt wird. Doch trotz aller medizinischen Möglichkeiten: Zu größten Teilen haben es die Patientinnen und Patienten selbst in der Hand, indem der eigene Lebensstil auf den Prüfstand gestellt wird.  

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